Simone hat zu einer Veranstaltung in die Nouvabrik eingeladen. Die Gäste sind drinnen, es wird geredet und gelacht. Ich gehe allein hinaus in den Garten, den ich zwei Jahre zuvor angelegt habe, um ein paar Aufnahmen zu machen.
Am Gräserbeet bleibe ich stehen. Genau in diesem Moment kommt ein Wind auf und streicht durch die Gräser. Die Halme wiegen sich hin und her, vor dem Hintergrund der Fabrikhalle, genau so, wie ich es beim Planen vor Augen hatte. Mein erster Gedanke: Ah, wie wunderbar. Genauso habe ich mir das vorgestellt.
Ein sinnlicher Garten entsteht nicht zufällig. Du kannst Sinnlichkeit gestalten, über Pflanzen, Blätter, Formen, Bewegung und Lebendigkeit. Und wenn du sie planst, überrascht sie dich am Ende trotzdem.

Kurz und lebendig
Ein sinnlicher Garten lebt von viel mehr als von Blüten. In diesem Artikel zeige ich dir, wie du solche Momente bewusst pflanzt:
• Bewegung: Reitgras, das sich im Wind wiegt und dabei leise rauscht
• Lebendigkeit: eine Wildwiese mit schillernden Käfern und eine Nektarbar für Nachtfalter mit Nachtviole und Lichtnelke
• Berührung: die Widerhaken unter dem Blatt der Wilden Karde, die großen, weichen Blätter des Muskatellersalbeis
• Winter: Raureif auf Lampenputzergras, Wasserdost und Elfenbeindistel
Am Ende weißt du, wo du in deinem eigenen Garten ansetzen kannst, und warum der schönste Moment oft der ist, den du nicht geplant hast.
Was macht einen Garten sinnlich?
Ein Garten wird sinnlich, wenn er mehr anspricht als das Auge: Gräser, die sich im Wind bewegen, Blätter, die du anfassen willst, Duft am Abend, Insekten im Beet. Und Strukturen, die auch im Winter tragen.
Beim Wort sinnlich denkst du vielleicht zuerst an den Hochsommer: Rosen, Phlox, ein Meer aus Blüten. Das ist schön, aber es ist nur ein Teil. Sinnlichkeit entsteht auch über Blätter, Farben und Formen. Über Bewegung. Und über Lebendigkeit, also über alles, was in deinem Garten krabbelt, summt und flattert.
Wenn ich einen Garten plane, denke ich deshalb nicht nur in Blütenfarben. Ich frage mich bei jeder Pflanze: Wie bewegt sie sich im Wind? Wie fühlt sich ihr Blatt an? Wer besucht sie? Und wie sieht sie im Januar aus?
Einen Gang durch alle fünf Sinne findest du in meinem Artikel Garten mit allen Sinnen. Hier geht es um etwas anderes: wie du solche Momente bewusst anlegst.
Bewegung: Warum ich genau dieses Gras gewählt habe
Für den Garten in der Nouvabrik habe ich das Reitgras (Calamagrostis x acutiflora ‚Karl Foerster‘) ausgewählt. Nicht nur wegen seiner schönen gelben Farbe im Herbst, sondern auch wegen seiner Bewegung. Ich wollte, dass es sich im Wind wiegt. Und ich wollte sehen, wie das vor der Fabrikhalle wirkt. Wie aus dem Gelände ein naturnaher Garten wurde, erzählt Simone Wittkamp im Interview Industriegelände naturnah gestalten.
Das Reitgras wächst straff aufrecht und bleibt bis in den Winter stehen. Wenn Wind hineinfährt, schwingen die Halme gemeinsam und rauschen leise. Ein Beet, das eben noch still dastand, ist plötzlich in Bewegung.
Wenn du Gräser für Bewegung pflanzen möchtest, achte auf zwei Dinge. Setz sie dorthin, wo der Wind hinkommt, und nicht in die windstillste Ecke. Und gib ihnen einen ruhigen Hintergrund, eine Hauswand, eine dunkle Hecke oder den Himmel. Dann siehst du die Bewegung erst richtig. Besonders schön wird es, wenn die tief stehende Sonne von hinten durch die Halme scheint.
Lebendigkeit: Der Moment, den ich nicht geplant habe
Zurück ins Gräserbeet. Während ich noch dastehe und mich über den Wind freue, tauchen Falter und Schmetterlinge auf. Viele. Sie tanzen um mich herum, und ich denke: Wow. Genau das ist ein lebendiger Garten.
Dann entdecke ich an einem Grashalm etwas, das ich erst auf den zweiten Blick erkenne. Ein Insekt hat dort seine Eier abgelegt. Der Halm wiegt sich im Luftzug, und die Eier schwingen mit. Auf der anderen Seite des Beets liegt eine extra angelegte Wildwiese. Dort sitzt eine Florfliege mit unfassbar zarten Flügeln. Daneben schillernde Käfer in bläulichen Tönen und Käfer mit roten Streifen auf dem Rücken.

Dieser Moment war nicht Zufall, auch wenn er mich überrascht hat. Ich habe den Garten bewusst so geplant, dass nicht nur Generalisten kommen. So nennt man Insekten wie Honigbienen und viele Hummeln, die an sehr vielen verschiedenen Pflanzen Nahrung finden. Ich wollte Raum für eine große Vielfalt von Insekten und Käfern schaffen. Deshalb gibt es im Garten verschiedene Bereiche: ein Hummelbeet, die Wildwiese und eine Nektarbar für Nachtfalter.
In der Nektarbar wachsen Dost (Origanum vulgare), Nachtviole (Hesperis matronalis), Rote Lichtnelke (Silene dioica) und Weiße Lichtnelke (Silene latifolia subsp. alba). Nachtviole und Lichtnelke entfalten ihren Duft vor allem am Abend, genau dann, wenn die Nachtfalter unterwegs sind. Was eine Nektarbar ist und wie du sie anlegst, liest du im Artikel Nektarbar für Nachtfalter. Wie sich ein Garten nach Sonnenuntergang anfühlt, erzähle ich dir im Artikel über den Garten bei Nacht.
Diese Lebendigkeit kannst du nicht bestellen. Du kannst ihr aber einen Platz geben. Jede Pflanze, die einer bestimmten Insektenart Nahrung oder Unterschlupf bietet, erweitert die Biodiversität in deinem Garten. Und mit ihr die Momente, in denen du stehen bleibst und staunst.
Fühlen: Die Karde im Dunkeln
Manche Gartenmomente bleiben ein Leben lang im Gedächtnis. Einer davon stammt aus meiner Ausbildung im Allgäu. Damals gab es eine nächtliche Führung durch die Gärtnerei Artemisia in den Bergen. Es war völlig dunkel, kein elektrisches Licht, nur kleine Kerzen, die im Garten verteilt standen.
Der Besitzer, gekleidet in einer dunkelbraunen Kutte, führte uns durch den Garten. Er sah aus wie ein Mönch. Es war magisch und ein bisschen Abenteuer. Irgendwann blieb er stehen und sagte: „Und jetzt fasst doch mal die Karde an.“

Unter dem Blatt der Wilden Karde (Dipsacus fullonum) sitzen Widerhaken, wie bei einem Krokodil. Das im Dunkeln zu ertasten, ohne zu sehen, was die Finger gerade berühren, habe ich nie vergessen.
Seitdem plane ich Pflanzen auch danach, wie sie sich anfühlen:

Brandkraut
(Phlomis)
raue Blätter

Muskatellersalbei
(Salvia sclarea)
große, weiche Blätter

Woll-Ziest
(Stachys byzantina)
samtweiche Blätter
Dazu kommen Kräuter wie Currykraut und Minzen, die beim Berühren duften und die du gleich probieren kannst. Setz solche Pflanzen dorthin, wo deine Hand ohnehin vorbeikommt: an den Wegrand, neben die Bank, an den Eingang. Dann streichst du im Vorbeigehen darüber, ganz ohne es dir vorzunehmen.
Sinnlich im Winter: Warum ich alle Stauden stehen lasse
Über den Winter lasse ich grundsätzlich alle Stauden stehen, weil es gut für Pflanze und Tier ist. Ausnahmen mache ich nur dort, wo ein Bereich gepflegt wirken soll, zum Beispiel im Vorgarten.
Sinnlich ist also nicht nur der Sommer. Für mich gehören die Wintermorgen genauso dazu: wenn die Stauden verblüht sind, der Raureif auf den Blättern liegt und das Licht durch die Eiskristalle scheint. Dann siehst du Strukturen, die im Sommer unter den Blüten verborgen waren. Das Verwelkte hat seine eigene Schönheit, und es fühlt sich anders an: trocken, knisternd, fest.
Mit Raureif sind diese sechs für mich am schönsten:

Purpur-Sonnenhut
(Echinacea purpurea)

Lampenputzergras
(Pennisetum alopecuroides)

Wilde Karde
(Dipsacus fullonum)

Wasserdost
(Eupatorium fistulosum)

Brandkraut
(Phlomis russeliana)

Elfenbeindistel
(Eryngium giganteum)
Wer die Stängel bis zum Frühjahr stehen lässt, tut noch etwas Gutes: In hohlen und markhaltigen Stängeln überwintern Insekten. Die Schönheit im Winter und die Lebendigkeit im nächsten Sommer hängen also direkt zusammen.
Planen und sich überraschen lassen
Sinnlichkeit lässt sich also planen, unbedingt. Du kannst Gräser dorthin setzen, wo der Wind sie bewegt. Du kannst Pflanzen für Nachtfalter wählen, Blätter zum Anfassen an den Weg holen und Stauden für den Raureif stehen lassen.
Und dann passiert das Besondere: Es kann so überraschen und noch viel sinnlicher und besonderer sein, als ich mir das je hätte ausdenken können. Die Falter im Gräserbeet habe ich nicht bestellt. Die Eier am Halm auch nicht. Die Planung schafft den Rahmen, und die Natur antwortet darauf.
Wenn du in deinem eigenen Garten anfangen möchtest, nimm dir diese drei Fragen mit hinaus:
- Wo weht bei dir der Wind, und was könnte sich dort bewegen?
- An welcher Stelle gehst du jeden Tag vorbei, mit der Hand in Reichweite?
- Was siehst du im Januar, wenn du aus dem Fenster schaust?
Welche Art von Ort dein Garten für dich sein soll, ob Geborgenheit oder Weite, darum geht es in meinem Artikel über die Archetypen in der Gartengestaltung.
Häufige Fragen
Ein Garten wird sinnlich, wenn er mehr anspricht als das Auge. Gräser bewegen sich im Wind, Blätter laden zum Anfassen ein, Pflanzen duften am Abend, Insekten bringen Leben ins Beet, und verblühte Stauden tragen den Garten durch den Winter. All das kannst du bewusst planen.
Ich setze gern das Reitgras (Calamagrostis x acutiflora ‘Karl Foerster’) ein. Es wächst straff aufrecht, schwingt im Wind und bleibt bis in den Winter stehen. Pflanze Gräser dorthin, wo der Wind hinkommt, und gib ihnen einen ruhigen Hintergrund wie eine Hauswand, eine Hecke oder den Himmel.
Nachtviole (Hesperis matronalis) und Weiße Lichtnelke (Silene latifolia subsp. alba) entfalten ihren Duft vor allem am Abend, wenn Nachtfalter unterwegs sind. In der Nektarbar der Nouvabrik wachsen dazu Dost und Rote Lichtnelke.
Ich lasse grundsätzlich alle Stauden über den Winter stehen, weil es gut für Pflanze und Tier ist. In hohlen und markhaltigen Stängeln überwintern Insekten. Ausnahmen mache ich dort, wo ein Bereich gepflegt wirken soll, etwa im Vorgarten. Mit Raureif besonders schön sind zum Beispiel Sonnenhut, Lampenputzergras, Wilde Karde, Wasserdost, Brandkraut und Elfenbeindistel.
Brandkraut hat raue Blätter, Muskatellersalbei große, weiche Blätter, samtweiche Blätter hat der Woll-Ziest und unter dem Blatt der Wilden Karde sitzen Widerhaken. Kräuter wie Currykraut und Minzen duften, wenn du sie berührst. Setz solche Pflanzen an den Weg, neben die Bank oder an den Eingang.
Dein Garten voller solcher Momente
Wenn du dir solche Momente auch in deinem Garten wünschst und nicht weißt, wo du anfangen sollst, schaue ich ihn mir gern mit dir an. In der Gartenberatung vor Ort gehen wir gemeinsam durch deinen Garten, und du bekommst danach Handlungsempfehlungen für deinen Weg.

Wer schreibt hier? Seit über 15 Jahren begleite ich Menschen dabei, ihren Garten bewusst zu entwickeln. Nicht nach Trends, sondern nach dem, was wirklich zu ihnen passt. Dabei konzipiere ich Gärten, die langfristig funktionieren: klimafit, pflegeleicht und mit Persönlichkeit.
Meine Überzeugung: Ein Garten ist kein Dekorationsprojekt. Er ist ein Dialog zwischen dir und der Natur. Du gibst die Richtung vor, die Natur antwortet. Daraus entsteht dein einzigartiger Lieblingsort.
Wenn ich nicht gerade Pflanzpläne zeichne oder in der Erde buddel, findest du mich beim Yoga, auf Reisen oder tanzend auf einem Festival.



