Der Oktober ist so schnell vorbeigegangen. Eben hat er noch in allen Farben geleuchtet. Morgens lag der Nebel über dem Garten, und plötzlich brach die Sonne durch. Jetzt ist auch diese Zeit bald vorbei, und ich merke, wie stark ich die kleinen Momente gerade wahrnehme.
Abschied ist im Garten allgegenwärtig. Erstaunlich, wie wenig wir ihn bemerken. Dabei ist er notwendig, um lebendig zu bleiben.
Erst schöner, dann welker, dann vergangen
Blüten werden immer schöner. Dann welken sie, sind immer noch schön, und dann vergehen sie. Das geschieht jeden Tag in jedem Beet, und meistens laufen wir daran vorbei.
In diesem Jahr habe ich beim Brandkraut (Phlomis) die vertrockneten Samenstände aus dem Vorjahr bewusst stehen lassen. Im Frühjahr wuchsen die neuen Triebe direkt daneben. Erst klein, dann erstaunlich schnell, Etage für Etage. Das Alte stand noch da, während das Neue heranwuchs. Selten habe ich Vergänglichkeit so deutlich vor mir gesehen.

Rainer Maria Rilke hat im Oktober 1924 in Muzot ein kurzes Gedicht geschrieben, das genau dieses Bild findet:
Irgendwo blüht die Blume des Abschieds und streut
Rainer Maria Rilke, Muzot, Oktober 1924
immerfort Blütenstaub, den wir atmen, herüber;
auch noch im kommendsten Wind atmen wir Abschied.
Abschied endet bei Rilke nicht einfach. Er blüht und verteilt sich wie Blütenstaub in der Luft. Wir atmen ihn ein, ob wir wollen oder nicht.

Warum Schönheit so dringlich ist
In einer Sendung von Sternstunde Philosophie habe ich eine kleine Fabel gehört. Die Schönheit geht zu Zeus und fragt ihn, warum er sie vergänglich gemacht hat. Zeus antwortet: Weil ich alles Schöne vergänglich gemacht habe.
Schönheit hat eine Dringlichkeit, weil sie schnell vorbei sein kann. Manchmal sehen wir sie nur, ohne sie zu spüren. Wir sind zu abgekämpft und gestresst. Wer sich mit Abschied beschäftigt, beschäftigt sich deshalb immer auch mit dem Leben. Wie ich solche Momente im Garten bewusst plane, liest du in Sinnlichkeit kannst du pflanzen: Wie ich Gänsehautmomente im Garten plane.

Die kleinen Dinge
Vor einigen Jahren habe ich den Spruch, dass die kleinen Dinge im Leben glücklich machen, eher abgetan. Inzwischen merke ich, dass er stimmt.
Gegenüber von meinem Haus schaue ich auf einen Wald. Gerade zeigt er alle Schattierungen von Gelb, Grün, Braun und Ocker, dazwischen ein paar rötliche Tupfen.
Im Garten steht eine Glockenblume (Campanula). Die meisten ihrer Blüten sind längst verblüht. Trotzdem schiebt sie unermüdlich noch eine hinterher. Jetzt steht sie da, mit einem ganz feinen Stiel, mit einer einzigen Blüte.
Und morgens, wenn ich aus dem Fenster schaue, erwische ich manchmal zwei Eichhörnchen an unserer großen Eiche. Sie rennen hoch und runter, nach links und rechts, und graben und graben. Ich muss lachen, weil ich genau weiß, wie viele tausend Eicheln im nächsten Jahr wieder keimen und den Boden bedecken. Was ich mit dem vielen Laub dieser Eiche mache, liest du in Laub liegen lassen: Wo es deinem Garten hilft und wo nicht.
Der Abschied vom Sommer fällt mir schwer
Ich will ehrlich sein: Ich habe Angst vor dem Winter. Ich bin im Sommer geboren. Mit Hitze komme ich gut zurecht, mit Kälte gar nicht. Mir drückt diese Zeit aufs Gemüt, wenn draußen alles reduziert ist, die Farben nicht mehr leuchten und sich das Leben vor allem drinnen abspielt.
Ich glaube, deshalb nehme ich die letzten Herbstmomente gerade so intensiv wahr. Jedes Jahr ist der Abschied vom Sommer für mich ein großer, und jetzt kommt schon der Abschied vom Herbst.

Zuversicht hole ich mir aus der Natur
Ein Beispiel, das mich immer wieder staunen lässt, ist das Europäische Pfaffenhütchen (Euonymus europaeus). Die Raupen der Pfaffenhütchen-Gespinstmotte fressen den Strauch im Frühsommer oft komplett kahl. Er sieht dann schauerlich aus, eingesponnen und ohne ein Blatt. Und trotzdem stirbt er nicht. Er hat noch die Kraft, frisches Laub zu bilden und neu auszutreiben. Von den vielen Raupen ernähren sich wiederum die Vögel. Das eine bedingt das andere. Wie dieser Kreislauf genau abläuft, liest du in Pfaffenhütchen voller Raupen: Was die Gespinstmotte mit deinem Strauch macht.
Diese Zuversicht habe ich 2014 auch in Portugal gefunden. Ich war drei Wochen in Tamera, einer Gemeinschaft im Süden des Landes. Das Land dort war ausgelaugt. Früher hatte man die Wälder für den Schiffbau abgeholzt, und der Regen hatte den Humus weggeschwemmt. Mittags hatte es über 40 Grad. Ohne ein feuchtes Tuch über dem Kopf kam man kaum von einem Schatten zum nächsten.
Die Menschen dort haben mit Unterstützung des Permakultur-Pioniers Sepp Holzer eine alte Quelle wiedergefunden und gelernt, den Winterregen im Land zu halten. Als ich dort war, gab es schon zwei große Seen. An ihren Ufern wuchsen Obst und Gemüse, und neue Bäume standen da, wo vorher kaum etwas wuchs.
Menschen können unglaublich einfach zerstören. Wenn sie sich aber zusammentun und etwas Gutes schaffen wollen, dann gelingt ihnen das auch. Die Natur kann sich erholen. Wir geben die Richtung vor und unterstützen sie, und daraus entsteht etwas Wunderbares.
Im eigenen Garten erlebe ich das im Kleinen. Ich kann selbst einen Raum gestalten, der lebt und blüht, egal was draußen in der Welt los ist. Dort bin ich selbst wirksam.
Mein Abschiedsritual: die Gartengeräte putzen
Am Ende des Gartenjahres putze ich meine Gartengeräte. Sie haben mir das ganze Jahr über gute Dienste geleistet. Jedes einzelne wird gewaschen und getrocknet, damit es nicht rostet. Die Holzstiele öle ich ein. Dann packe ich sie zusammen und lege sie bis zum Frühjahr weg. Ein paar Werkzeuge brauche ich natürlich das ganze Jahr. Die großen Arbeitsgeräte aber bekommen einmal im Jahr diese gründliche Pflege.
Für mich ist das der Moment, in dem ich das Gartenjahr bewusst verabschiede. Mit Dankbarkeit für alles, was gewachsen ist, und mit dem Wissen, dass unter der Erde schon das Neue wartet.
Herzlichst, Sadhana 💚
Was mich im Garten gerade bewegt, teile ich regelmäßig in meiner Flower Power Gartenpost. Darin findest du Wissen aus der Praxis, Inspiration und konkrete Tipps für naturnahe, klimafitte Gärten. Sie ist kostenfrei.

Wer schreibt hier? Ich bin Gartengestalterin und ausgebildete Staudengärtnerin und führe seit über 15 Jahren meinen eigenen Betrieb in Marburg. Ich begleite Menschen dabei, ihren Garten bewusst zu entwickeln, nicht nach Trends, sondern nach dem, was wirklich zu ihnen passt. Dabei konzipiere ich Gärten, die langfristig funktionieren: klimafit, pflegeleicht und mit Persönlichkeit.
Meine Überzeugung: Ein Garten ist kein Dekorationsprojekt. Er ist ein Dialog zwischen dir und der Natur. Du gibst die Richtung vor, die Natur antwortet. Daraus entsteht dein einzigartiger Lieblingsort.
Wenn ich nicht gerade Pflanzpläne zeichne oder in der Erde buddle, findest du mich beim Yoga, auf Reisen oder tanzend auf einem Festival.



