Zwei Menschen, ihre Gartenleidenschaft und die Hingabe an das Gestalten
Heinz und Kim leben für das Gestalten. Für die beiden ist Gestalten eine Lebenshaltung, keine Freizeitbeschäftigung: Wohnung und Garten folgen denselben Prinzipien, und beides bleibt ein Werk, das nie ganz fertig wird. Man sieht es ihrer Wohnung an, man sieht es ihrem Garten an, und man merkt es an der Art, wie sie über beides sprechen. Ihr Zuhause in Marburg ist kein fertiges Objekt, sondern ein fortlaufendes Werk, an dem sie seit Jahren arbeiten. Fast jedes Stück erzählt eine eigene Geschichte. Eine davon beginnt mit einem Lastwagen, der nie ankam.

Ein Lastwagen, der umkehren muss
In der Oberstadt von Marburg ist nichts einfach zu liefern. Die Stadt stammt aus dem Mittelalter, die Gassen sind eng, der Autoverkehr war hier schon immer ein Problem. Als Heinz und Kim die neuen Platten für ihre Dachterrasse erwarteten, wurde ausgerechnet zur selben Zeit die Straße vor ihrer Tür erneuert. Für alle, die dort wohnen, war das eine erhebliche Belastung. Für die Anlieferung war es das Aus.
Der Spediteur kam mit einem 40-Tonner samt Anhänger, vermutlich aus den Niederlanden. Er war quer durch Deutschland gefahren und hatte unterwegs an vielen Orten Ware abgeladen. Marburg war die letzte Station. Hier scheiterte er. Mit einem solchen Gespann sind die Straßen der Oberstadt nicht zu befahren. Der Fahrer stand mit seinem Anhänger in der Ketzerbach, kam keinen Meter weiter und musste umkehren. Erst am nächsten Tag, mit einem kleineren Fahrzeug und mit der Unterstützung eines Nachbarn, kam die Lieferung an.
Diese Episode sagt viel über den Ort, an dem die beiden leben. Und sie sagt etwas über die beiden selbst. Wo andere aufgeben, suchen sie einen Weg.
Achttausend oder eintausend
Die Platten waren nötig geworden, weil die Holzbohlen der Dachterrasse morsch waren. Eine neue Lösung musste her. Ein Schreiner machte ein Angebot über 8.000 Euro. Heinz und Kim entschieden anders. Rund 1.000 Euro an Material, der Rest Eigenleistung. Das Ergebnis ziert heute die Terrasse, mit Blick auf die Elisabethkirche und den Kaiser-Wilhelm-Turm.

Darin liegt ihr Prinzip. Hoher Anspruch, eigene Hände, und kein Geld für etwas, das man selbst sorgfältiger hinbekommt. Die zweite Außenfläche ihrer Wohnung ist kein klassischer Wintergarten, eher ein offener Wind- und Regenschutz. An manchen Abenden sitzen die beiden hier, während es ringsum gewittert, die Blitze zucken über der Stadt, und sie bleiben gemütlich beim Glas Wein.

Eine Wohnung, von Grund auf neu gedacht
Die Wohnung liegt in einem Fachwerkbau. Was man heute sieht, war vorher nicht da. Früher lagen die Empfangsräume unten, gewohnt wurde darüber, ganz oben gab es einen Trockenboden und ein Mädchenzimmer. Jede Ebene hatte ihre eigene Aufgabe, und genau diese Funktionen mussten neu verteilt werden: das Repräsentative eines solchen Hauses, das Gemütliche und das Praktische.
Heinz und Kim haben den Grundriss geöffnet. Wo zwei Türen in einer Wand saßen und man durch einen schmalen, fast klaustrophobischen Schlauch gehen musste, weitet sich heute der Raum. Sie nahmen eine Wand heraus und zogen einen großen Balken ein, damit die Öffnung trägt. Aus einem finsteren Zimmer mit nur einem Fenster wurde ein heller Raum, weil sie die alte Terrassentür versetzten und die Wand mit Türanlagen nach außen öffneten. In die Mitte kam der Esstisch. Das war eine bewusste Wahl. Sie essen gern, sie haben gern Besuch, also wurde der Tisch zum Zentrum des Hauses.

Drei Säulen aus einer Anzeige
Drei echte Gründerzeitsäulen stehen heute in der Wohnung. Heinz entdeckte sie bei eBay, lange bevor klar war, dass die beiden diese Wohnung überhaupt bekommen würden. Drei Gründerzeitsäulen, dachte er, kann man immer einmal gebrauchen, und schlug zu. Der Verkäufer handelte sonst mit Elektronikschrott, mit alten Handys und ähnlichen Dingen. Er wusste nicht, was er da hatte. Deshalb waren die Säulen bezahlbar. Wären sie als Antiquität angeboten worden, hätten sich sofort andere darauf gestürzt.
Das Motiv der Säule kehrt in der gesamten Wohnung wieder. Es findet sich am Kamin, der zum zentralen Blickpunkt des Raums geworden ist. Es taucht an der Terrassentür auf und wurde später an allen Fenstern aufgegriffen, als diese erneuert wurden. Selbst aus der Badewanne blickt man auf drei Säulen. Im Spiegel über dem Kamin findet sich das Weiß des Raums in den Säulen wieder. So entsteht aus einem einzigen Element ein roter Faden, der die Wohnung zusammenhält.
Der Blick für das Stück
Heinz und Kim sammeln nicht wahllos. Sie haben einen Blick für das einzelne Stück und für den Ort, an den es gehört. Die Treppe stammt aus dem Westen des Piemont und ist rund zweihundert Jahre alt. Sie wirkt, als sei sie immer hier gewesen, dabei ist sie deutlich älter als das Haus, in dem sie heute steht. Über dem Kamin hängt ein Spiegel mit abgewittertem Blattgold; das Gold schimmert durch, es ist kein Spiegel im herkömmlichen Sinn. Es ist ein Konvexspiegel.

Manches hat Heinz auf einem Brocante (Trödel- oder Antikmarkt) in Frankreich gefunden. Ein Stück Messing mit Goldapplikationen lag dort herum, mitsamt den Halterungen, und fand hier seinen Platz; es passt zu den vergoldeten Details, die das Haus ohnehin prägen. Auch der Olivenbaum gehört in diese Reihe. Sie kauften ihn 2003. Über die Jahre haben sie die Triebe heruntergebunden, eine Grundstruktur geschaffen und den Baum seither auf diesem Niveau gehalten. Das Prinzip ähnelt dem Bonsai. So werden die Stämme mit der Zeit knorrig, wie man es von den sehr alten Olivenbäumen auf Mallorca kennt. Auf Kreta, erzählen die beiden, stehe ein Olivenbaum, der angeblich dreitausend Jahre alt sei.
Warum nichts je ganz fertig wird
Wer durch die Wohnung geht, merkt schnell, dass dies keine Ausstellungsfläche ist. Es ist ein bewohnter Raum, der nach und nach zusammenwächst. Manches ist noch nicht fertig. Eine Tür fehlt, eine Treppe ist erst geplant, ein Detail wartet auf den letzten Schliff. Heinz und Kim sehen das gelassen.
Darin liegt eine Haltung. Sie unterscheiden zwischen einer Wohnung, die von vorn bis hinten durchgestaltet ist, und einem Zuhause, das mit den Menschen wächst, die darin leben. Beides hat seinen Reiz, doch sie wollen den Raum für das Eigene, für das, was über die Zeit entsteht. Wohnungen, in denen jeder Türgriff und jede Lampe vorgegeben sind, lehnen sie ab. Ihnen ist das Werden lieber als der Endzustand. Und der Endzustand wäre ohnehin der Moment, in dem man ausziehen müsste.
Innen und außen, dieselbe Sprache
Ein Detail bringt diese Sprache auf den Punkt. Der Kamin ist ein Rahmen aus Säulen, und der Spiegel darüber rahmt ihn ein zweites Mal. Rahmen im Rahmen, Säule neben Säule. Wer das einmal bemerkt hat, erkennt dasselbe Prinzip im Garten wieder: eine Blickachse, die das Auge führt, ein Element, das sich wiederholt, ein Ausschnitt, der gefasst wird.
Heinz und Kim arbeiten an beiden Orten mit denselben Mitteln. Drinnen sind es Säulen, Gold und alte Hölzer, draußen sind es Hecken, eine Pergola und das wiederkehrende Blau. In beiden Fällen geht es darum, einen Ort so zu fügen, dass er ruhig wirkt und trotzdem lebendig bleibt. Man betritt einen Raum oder einen Garten und fühlt sich wohl, ohne sofort sagen zu können, warum. Genau das ist das Ergebnis vieler kleiner, bewusster Entscheidungen über Jahre. Es geht um die Details, die man erst bemerkt, wenn man seinen Blick geschult hat.

Der Garten am Hang
Der Garten liegt am Hang. Vor etwa hundertfünfzig Jahren wurde er terrassiert; was zuvor ein steiler Abhang war, wurde Schicht für Schicht aufgeschüttet. Beim Graben kommen bis heute Tonscherben aus der Erde. Die früheren Besitzer hatten sie von örtlichen Töpfern gekauft und einfach mit in den Boden eingearbeitet.

Kim plant den Garten in Räumen. Entlang einer Doppelreihe von Stangen soll eine Hecke aus möglichst heimischen Sträuchern wachsen, dazwischen vielleicht die eine oder andere Rose. Dahinter verschwindet der Grünschnittplatz. Eine Pergola ist vorgesehen, eine klassische italienische Form aus Querbalken mit Reitern, offen genug, dass Rambler-Rosen darüber wuchern können. Sie soll den Gartenraum zum Nachbargrundstück hin fortsetzen. Unter dem Kirschbaum entsteht ein weiterer Sitzplatz, von dem aus der Blick über das Blau der Pflanzungen auf das Haus fällt.
Die Pflanzen sind eine Leidenschaft für sich. Kim sucht seit Langem das richtige Blau. Ein blauer Enzianlauch (Allium caeruleum) stand im vergangenen Jahr in hundert Exemplaren auf einer Ebene, ein traumhaftes Bild, das sich aber nicht dauerhaft zu halten scheint und wohl nachgepflanzt werden muss. Das Patagonische Eisenkraut hat sich von selbst ausgesät.
Auf der mittleren Ebene wächst eine Katzenminze, die ungewöhnlich hohe Sorte ‚Pool Bank‘ (Nepeta grandiflora). Solange die großen Allium-Kugeln darüber blühen, ergibt das ein kräftiges Bild. An anderer Stelle wachsen Katzenminze ‚Superba‘ (Nepeta racemosa) und Bartfaden ‚Catherine de la Mere‘ (Penstemon fructicous) so üppig, dass sie überwuchern, was daneben steht; eine darunter verborgene Indianernessel muss gerettet werden, sonst überlebt sie nicht. Manches steht zu eng. Eine Blauraute (Perovskia atriplicifolia) müsste einen Meter weiter links stehen, dann käme sie zur Geltung. So lernt man mit der Zeit, wie viel Platz eine einzelne Pflanze am Ende wirklich braucht.
Kim experimentiert, verschiebt und rettet, lässt aber auch das Vergängliche zu. Eine Waldrebe (Clematis), die in der Hitze vertrocknet ist, bleibt als Gerüst stehen, damit neue Triebe sich daran festhalten können. Verblühte Stängel werden in diesem Jahr nicht abgeschnitten; das Frische neben dem Vertrockneten hat seinen eigenen Reiz. Der Garten ist nie an einem Punkt, an dem man ihn als abgeschlossen bezeichnen könnte, und genau das ist der Reiz daran.

Die Nacht als Bühne
Wer Heinz und Kim nur bei Tag erlebt, kennt nur die Hälfte. Ein weiteres Gestaltungsprinzip zeigt sich erst nach Sonnenuntergang: das Magische. Es entsteht vor allem durch Licht, und Kim spielt mit sichtbarer Freude damit. Er hat mehrere LED-Strahler und leuchtende Kugeln aus Metall.
Wie das zusammenwirkt, zeigte Kims Geburtstag im Juli. Der Abend begann hell und festlich. Auf der Rasenfläche standen Tische mit weißen Tischdecken. In einem Pagodenzelt war das Buffet aufgebaut, daneben ein Stehtisch für den Sektempfang. Mit der Dunkelheit wandelte sich die Stimmung, und die zweite Inszenierung begann, die der Nacht. Das Haus strahlte in wechselnden Farben, mal in tiefem Blau, und wirkte dann geheimnisvoll, fast wie eine Szene aus einer anderen Welt. Mal in pink oder gelb. Jede Farbe erzeugte eine andere Stimmung.





In diesem Spiel steckt etwas Kindliches im besten Sinn: die Freude, Momente zu inszenieren, und das Staunen darüber. Das Prinzip lässt sich benennen. Magisch ist kein Zufall. Es kann ein Wert sein, den man sich für den eigenen Garten wünscht und nach dem man dann gestaltet. Man baut ihm einen Platz.
Mein Garten soll magisch sein
So fühlt es sich an: Dämmerlicht. Gräser leuchten im Gegenlicht. Die Nacht leuchtet. Funken steigen über der Feuerschale auf. Tautropfen wie Perlen am Morgen. Ein Duft, der erst nach Sonnenuntergang aufsteigt.
So baust du es in den Garten: Eine Feuerstelle für Licht im Dunkeln. Gräser, die das Abendlicht fangen. Abendduftende Pflanzen wie Nachtkerze, Nachtviole oder Geißblatt. Dezente magische Kugeln oder LED-Strahler, aber nur punktuell, den Insekten zuliebe. Und bewusst dunkle Ecken lassen: Glühwürmchen lieben wilde, dunkle Ecken, Humusboden und warme, leicht feuchte Sommernächte.
Zu diesem Abend gehört ein besonderer Ort: Heinz und Kims Gartenhaus. Das Wort trifft es nicht ganz, denn es ist ein kleines Fachwerkhaus, außen wie innen weit entfernt vom üblichen Geräteschuppen. Dort stehen drei Wohnzimmerschränke, zwei Antike und einer in Eiche rustikal. An einer Wand hängt das Werkzeug sauber geordnet. An der anderen steht eine ganze Wand voller Laternen in allen Größen, wie Nachtwächterleuchten, mit Kerzen darin. Zum Fest wurden einige nach draußen getragen und zwischen den Tischen verteilt. Das Ganze ist nonchalant eingerichtet, so wie ihre Wohnung, und so fühlt es sich auch an. Dem Alltäglichen räumen die beiden ungern Zeit ein, und so steht das Werkzeug hier ganz selbstverständlich neben dem Schönen.

Ich durfte kurz mit Kim allein in dieses Gartenhaus. Wir standen im Dunkeln, und doch war es nicht dunkel. Von außen fiel violettes, pinkes Licht herein. Ich fühlte mich wie Alice im Wunderland. Nein, ich war Alice im Wunderland! Kim hatte Freude daran, dass ich mich so freute, und nahm sich die Zeit, damit mir ein gutes Foto gelang. Auf einem Geburtstagsfest hat die Person, die feiert, kaum einen Moment für sich. Diesen kurzen, magischen Augenblick mit ihm zu teilen, war ein Geschenk.
Über den Garten hinaus
Heinz und Kim sind Gemeinschaftsmenschen. Sie sind gern mit anderen zusammen und tauschen sich aus. Sie interessiert, wie andere es machen, und sie holen sich Anregung in fremden Gärten. Ein guter Anlass dafür ist die jährlich stattfindende Offene Gartenpforte, eine deutschlandweite, ehrenamtlich organisierte Veranstaltung, bei der Menschen ihre privaten Gärten für Besucher öffnen. Man geht nicht, um zu bewerten, sondern um zu schauen und ins Gespräch zu kommen.
Zu einer dieser Gartenpforten hatten Kim und Heinz sich mit mir verabredet. Es wurde ein wunderbarer gemeinsamer Tag, weil wir dieselbe Begeisterung teilen: für Garten und Natur, für Design und Fotografie. Zwei Bilder sind mir dabei gelungen, die ich unbedingt hier zeigen möchte. Auf dem einen steht Kim unter einem großen Bogen. Auf dem anderen sitzt Heinz am Teich, ruht sich aus und genießt den Moment. Als ich es einfing, sah es aus, als hätte Monet es gemalt.

Ankommen am alten Gartentor. 
Kim unter dem großen Rosenbogen. 
Heinz am Seerosenteich, das Licht wie bei Monet.
Solche Momente zeigen, was diesen Garten über die Gestaltung hinaus ausmacht. Er ist nicht nur ein Werk, sondern ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen und eine gute, erfüllende Zeit zusammen verbringen .
Fünfundzwanzig Jahre
Heinz und Kim sind seit fünfundzwanzig Jahren ein Paar. Wer ihnen im Garten begegnet, sieht zwei Menschen, die genau hinschauen. An einem der Tage fand Heinz einen Hirschkäfer, ein Weibchen. Die beiden betrachteten ihn lange und überlegten gemeinsam, wohin sie ihn setzen, damit er sich am wohlsten fühlt. „Unser Kind“, sagte Heinz. „An einer dunklen Stelle ist er besser geschützt als auf hellem Grund, wo er sofort gesehen wird.“ Also kam er dorthin.

In dieser kleinen Szene steckt viel von dem, was die beiden ausmacht. Sie sind außergewöhnliche Menschen, zusammen ein ausgesprochen sympathisches Gesamtkunstwerk. Sie nehmen sich Zeit für das Genaue, für das Lebendige und für die Form. Was sie anfassen, soll stimmen, ob es ein Beet ist, ein Kamin oder ein Käfer auf der Hand.
Am Ende führt alles auf dieselbe Haltung zurück. Heinz und Kim gestalten nicht, um fertig zu werden. Sie gestalten, weil das Gestalten ihre Art ist zu leben: mit Geduld, mit eigenen Händen, mit einem Blick für das besondere Stück und mit der Freude an dem, was noch nicht abgeschlossen ist.

Wer schreibt hier? Seit über 15 Jahren begleite ich Menschen dabei, ihren Garten bewusst zu entwickeln. Nicht nach Trends, sondern nach dem, was wirklich zu ihnen passt. Dabei konzipiere ich Gärten, die langfristig funktionieren: klimafit, pflegeleicht und mit Persönlichkeit.
Meine Überzeugung: Ein Garten ist kein Dekorationsprojekt. Er ist ein Dialog zwischen dir und der Natur. Du gibst die Richtung vor, die Natur antwortet. Daraus entsteht dein einzigartiger Lieblingsort.
Wenn ich nicht gerade Pflanzpläne zeichne oder in der Erde buddel, findest du mich beim Yoga, auf Reisen oder tanzend auf einem Festival.



