Nektarbar für Nachtfalter: Warum wir mehr Punks im Garten brauchen

Nektarbar für Nachtfalter: Warum wir mehr Punks im Garten brauchen

Nachtfalter sind die heimlichen Helden unserer Gärten, doch sie haben ein Imageproblem. Während die „A-Promis“ der Insektenwelt – Bienen und Tagfalter – eine glänzende Lobby genießen, fliegen die Nachtschwärmer sprichwörtlich unter dem Radar. Christoph Schuch, Filmemacher, Wildstaudengärtner und Initiator der „Nektarbar für Nachtschwärmer“, nennt sie liebevoll die „Punks“ oder das „Lumpenproletariat“ der Natur. Sie sind Tiere der Dunkelheit, oft unscheinbar gezeichnet, und doch für unser Ökosystem absolut unverzichtbar. In unserem Interview räumt Christoph mit dem Vorurteil auf, Nachtfalter seien lediglich „braune Motten“, und erklärt, warum jeder Garten eine Nektarbar braucht.

Die ökologische Kraft der Nachtfalter und ihre ästhetische Inszenierung im Garten

Kernaussage: Nachtfalter sind diversere Bestäuber als Bienen; ihre Förderung erfordert Mut zur Wildnis und gezielte Nachtbepflanzung.
Praktische Anwendung: Anlage von Nektarbars mit Arten wie Nachtkerze, Seifenkraut und Brennnessel.

Die Underdogs der Insektenwelt

Die Zahlen sind beeindruckend: In Europa gibt es etwa 3.500 Falterarten, von denen über 90 Prozent nachtaktiv sind. Damit stellen sie den absoluten Großteil der Schmetterlinge dar. Britische Wissenschaftler haben zudem nachgewiesen, dass Nachtfalter eine viel größere Vielfalt an Pflanzen bestäuben als Bienen. Während Honigbienen oft gezielt ökonomisch effiziente Massentrachten wie Raps- oder Lindenfelder ansteuern, sind Nachtfalter als individuelle Einzelgänger unterwegs. Sie besuchen Pflanzen, die tagsüber keine Beachtung finden, und sichern so die genetische Vielfalt unserer Flora.

Gleichzeitig sind sie ein entscheidendes Glied in der Nahrungskette. Wer Nachtfalter fördert, betreibt indirekt Fledermausschutz. Die Rechnung ist simpel: Ohne Falter keine Nahrung für Fledermäuse. Wer also das Flattern der nächtlichen Jäger im Garten liebt, muss den „Punks“ eine Bühne bieten..

Ein Nachtfalter mit braun-grau gemusterten Flügeln ruht auf der Rinde eines Baumes. Durch seine perfekte Tarnung ist er kaum von der Borke zu unterscheiden.
Perfekte Tarnung: Dieser Nachtfalter ist auf der Baumrinde fast unsichtbar. Die Underdogs der Insektenwelt zeigen ihre Schönheit oft erst auf den zweiten Blick

Barkeeper für Nachtschwärmer: Die Nektarbar am Abendsitzplatz

Ein Garten der Sinne existiert auch nach Sonnenuntergang. Eine Nektarbar nutzt Pflanzen, die erst in der Dämmerung ihre Blüten öffnen und ihren Duft als Einladung verschicken.

Für das maximale Erlebnis platzierst du die Nektarbar direkt an deinem Abendsitzplatz, an dem die Sonne untergeht. Wenn das Licht schwindet, lässt sich beobachten, wie die Nachtkerze (Oenothera biennis) ihre Blüten innerhalb weniger Minuten entfaltet. In Kombination mit Mondviole (Lunaria rediviva) und Nickendem Leimkraut (Silene nutans) entsteht ein intensives Dufterlebnis direkt an deinem Platz für den Feierabend.

Weitere geeignete Pflanzen für die Gestaltung:

  • Rotes Seifenkraut: Ein Bodendecker, der auch in Balkonkästen am Sitzplatz funktioniert.
  • Wasserdost: Eine große Staude und Insektenmagnet, die Trockenphasen übersteht.
  • Acker-Witwenblume und Dost: Diese Pflanzen bedienen sowohl tag- als auch nachtaktive Insekten.
  • Waldgeißblatt: Ideal für Pergolen oder zur Begrünung von Lichtschächten und Wänden in Sitzplatznähe.
Nahaufnahme einer gelben Nachtkerzenblüte, die sich in der Abenddämmerung öffnet.
Ein Fest für Nachtschwärmer: Die Nachtkerze öffnet ihre Blüten in der Dämmerung und verströmt einen intensiven Duft, um Falter anzulocken.

Mut zur Wildnis: Raupenfutter statt Rasenkante

Eine Nektarbar ist jedoch nur die halbe Miete. Christoph Schuch betont im Interview, dass wir auch die „Kinderstube“ der Falter schützen müssen. Viele Insekten sind hochgradig spezialisiert.

Ein klassisches Beispiel ist die Brennnessel (Urtica). Wenn sie verschwindet, sterben auch fünf bis sechs Schmetterlingsarten aus, weil ihre Raupen ausschließlich Brennnesselblätter fressen. Christoph Schuch empfiehlt daher, in der Nektarbar oder im Garten immer auch ein paar Brennnesseln stehen zu lassen. Auch die Zypressenwolfsmilch, das Silberblatt (Lunaria annua) und die Rote Lichtnelke (Silene dioica) sind wichtige Futterpflanzen für Raupen.

Das Projekt Nektarbar: Vom Wettbewerb in die Praxis

Das Konzept gewann 2023 den zweiten Platz beim Biodiversitätswettbewerb der Stadt Frankfurt am Main. Gemeinsam mit der Biologin Monika Peukert und unterstützt durch Hilke Steinecke vom Palmgarten wurden bereits verschiedene Bars in Frankfurt und Umgebung realisiert.

Dieses Konzept wurde auch im Schulgarten der Schule am Schwanhof in Marburg umgesetzt. Ich habe dieses Vorhaben dort initiiert und gemeinsam mit einer engagierten Gruppe von Schüler:innen realisiert. Besonders erfreulich: Das Projekt wurde von der Stadt Marburg offiziell gefördert.

Die verwendete Pflanzenliste der Nektarbar Marburg steht als Download bereit:

Förderung finden: Wer zahlt die Nektarbar?

Wenn du selbst ein solches Projekt planst, vielleicht im größeren Rahmen – ob für eine Schule, einen Verein oder ein Gemeinschaftsprojekt –, gibt es verschiedene Fördertöpfe, die du anzapfen kannst:

Stiftung NaturSCHUTZFONDS: In vielen Bundesländern gibt es spezifische Stiftungen, die gezielt die Aufwertung von Lebensräumen für Insekten unterstützen.

Regional (Beispiel Marburg): Die Stadt Marburg unterstützt im Rahmen der „Nachbarschaftsprojekte im Klimaschutz“ Initiativen mit Zuschüssen. Auch das Bürger*innen-Budget für Nachhaltigkeit des Landkreises ist eine gute Anlaufstelle.

Landesweit (Hessen): Die Umweltlotterie GENAU fördert wöchentlich Umweltprojekte in ganz Hessen. Hier können Bewerbungen für konkrete Naturschutzvorhaben eingereicht werden.

Überregional & Bundesweit: * Deutsche Postcode Lotterie: Fördert bundesweit Projekte aus den Bereichen Natur- und Umweltschutz sowie sozialer Zusammenhalt.

Bundesprogramm Biologische Vielfalt: Für größere, modellhafte Projekte bietet das Bundesamt für Naturschutz (BfN) Fördermittel an.

Ausblick: Zeit für den zweiten Blick

Naturschutz beginnt mit der Akzeptanz des Unperfekten. Die „Punks“ der Insektenwelt zu unterstützen bedeutet, Wildnis im Garten zuzulassen und auch die Sinnlichkeit der Nacht neu zu entdecken. Die Natur ist ein Kreislauf. Wir können nicht einfach Teile davon herausnehmen, ohne dass das System ins Stolpern gerät. Jeder Quadratmeter zählt, um den Kreislauf der Natur stabil zu halten.

Möchtest du lernen, wie du ökologische Module wie die Nektarbar fachgerecht in dein grünes Reich integrierst? Im September 2026 startet mein Premium-Kurs „Dein GartenReich“. Wir erarbeiten gemeinsam, wie du Ästhetik und biologische Vielfalt auf deinem Grund und Boden vereinst.

Weiterführende Ressourcen zur Vertiefung

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