Was ist ein Waldgarten? Zu Besuch bei Baumpfleger Matthias Klinge

Was ist ein Waldgarten? Zu Besuch bei Baumpfleger Matthias Klinge

Manchmal fährt man zu jemandem, weil man eine einzige Frage im Kopf hat. Meine war: Was ist eigentlich ein Waldgarten?

Matthias Klinge, Baumpfleger aus Marburg, baut an seinem Firmenstandort seit drei Jahren an so einem Garten. Vor etwa zwei Jahren war ich schon einmal dort und habe mir seinen Garten angeschaut. Jetzt war ich neugierig, was aus ihm geworden ist und wie seine Forschungen laufen. Ich selbst schneide nie Bäume, ich vertraue sie ausschließlich Expert:innen an, weil ich weiß, wie leicht man einen Baum durch einen unsachgemäßen Schnitt ruinieren kann. Matthias gehört zu den Menschen, denen ich dabei blind vertraue. Herausgekommen ist ein langes Gespräch über Bäume, über Böden und über die Frage, wie wir mit lebendigen Wesen umgehen. Das Wichtigste davon habe ich für dich mitgebracht.

Katze läuft durch ein vielfältiges Waldgarten-Beet mit Sonnenhut und Schafgarbe
Leben auf jeder Ebene: Der Waldgarten summt, blüht und hat sogar tierischen Besuch.

Was ist ein Waldgarten?

Ein Waldgarten ist ein Garten, der nach dem Vorbild eines lichten Waldes in mehreren Ebenen aufgebaut ist, von großen Bäumen über Obstbäume und Beerensträucher bis zu Stauden, Wurzelpflanzen, Pilzen und Kletterpflanzen. Der Boden wird nicht mehr umgegraben, sondern baut sich von oben auf. Fast alles hat einen Nutzen, essbar, heilend und Energie liefernd. Das Ziel ist ein vielfältiges, widerstandsfähiges System, das mit Hitze und Starkregen besser zurechtkommt als eine leere Rasenfläche.

Wer ist Matthias Klinge

Matthias Klinge pflegt Tomatenpflanzen in seinem Folientunnel
Matthias Klinge in seinem Folientunnel, wo einjährige Kulturen wachsen.

Matthias ist Inhaber von Baumpflege Klinge in Marburg. Er und sein Team arbeiten in Seilklettertechnik, bodenschonend, mit möglichst wenig großen Maschinen. Baumschnitt, Obstbaumschnitt, Baumkontrolle, und, wenn es gar nicht anders geht, auch Fällungen. Aber das ist für ihn die letzte Möglichkeit. „Wir versuchen, Bäume möglichst lange zu erhalten“, sagt er, „weil ein alter Baum ökologisch viel mehr leistet als ein neu gepflanzter.“

Was mich an ihm beeindruckt, ist seine Haltung. Er trifft bewusst keine pauschalen Aussagen. Für ihn ist jeder Mensch und jeder Garten anders. „Für mich ist jeder Garten individuell“, sagt er. „Meine erste Frage ist immer: Was möchten Sie? Was ist Ihre Zielsetzung? Denn der Baum braucht uns nicht. Die Frage ist, was der Mensch will.“ Erst wenn er das weiß, gibt er eine Empfehlung. Eine schnelle Standardantwort wäre für ihn unehrlich.

Ich mag diese Haltung, weil sie meiner eigenen so nahe ist. Bei mir gibt es auch keine drei Bäume und fünf fertigen Antworten. Es gibt deinen Garten, deinen Ort und dein Leben, und daraus wird etwas Eigenes.

Was ein Waldgarten für Matthias ist

„Ein Waldgarten ist für mich mehr als nur Garten“, sagt er. „Es ist der Versuch, ein System aufzubauen, um anders mit Ressourcen umzugehen.“ Der Anstoß kam aus seiner Arbeit. Über Jahre hat er Bäume gepflanzt, und irgendwann stellte sich ihm die Sinnfrage: „Was tue ich da, wenn ich einen Baum auf die grüne Wiese setze? Das funktioniert doch gar nicht.“ Vor allem nicht mit den Wetterextremen, die zunehmen, der Hitze und dem Starkregen.

Waldgarten-Fläche: links lebendig bepflanzt, rechts ein Stück vertrockneter Rasen
Der Unterschied auf einen Blick: lebendig bepflanzt neben vertrocknetem Rasen.

Sein Garten ist sein Versuchsfeld. Vor drei Jahren war hier reine Rasenfläche, nur die großen Bäume und eine Hecke standen schon. Ein Stück Rasen hat er absichtlich gelassen, um den Unterschied zu zeigen. Dort ist der Boden heute hart und vertrocknet. Auf der bepflanzten Fläche daneben herrscht ein anderes Mikroklima, und die Erde lebt.

Aus welchen Ebenen besteht ein Waldgarten?

Baumpfleger Matthias Klinge im Porträt in seinem Waldgarten in Marburg
Matthias Klinge, der lieber Fragen stellt als pauschale Antworten gibt.

Ein Waldgarten ahmt einen lichten Wald nach, und der wächst in Etagen. Matthias arbeitet mit rund sieben Ebenen: ganz oben die großen Bäume, oft Nussbäume wie Walnuss oder Esskastanie. Darunter kleinere Obstbäume, bei ihm Quitte, Apfel und Pfirsich. Dann die Sträucher, vor allem Beerensträucher wie Johannisbeere, Stachelbeere und Himbeere. Darunter die Staudenschicht, dann die Wurzelschicht mit mehrjährigem Wurzelgemüse. Eine eigene Ebene sind die Pilze, die sich durch den Auftrag von Hackschnitzeln ansiedeln und deren feines Geflecht im Boden die Pflanzen miteinander verbindet. Aktuell forscht Matthias mit essbaren und Heilpilzen wie Reishi, Shiitake, Löwenmähne und Austernseitling. Und schließlich die senkrechte Ebene, Kletterpflanzen, die an den Bäumen hochwachsen.

EbeneBeispiele im Garten
Große BäumeWalnuss, Esskastanie
Kleine Bäume, ObstQuitte, Apfel, Pfirsich
SträucherJohannisbeere, Stachelbeere, Himbeere
StaudenschichtBeinwell, Schafgarbe, Akelei, Mutterkraut, Rainfarn
Wurzelschichtmehrjähriges Wurzelgemüse
PilzeReishi, Shiitake, Löwenmähne, Austernseitling
Kletterpflanzensenkrechte Ebene an den Bäumen

Der Leitgedanke: Fast alles, was hier wächst, soll einen Nutzen haben, essbar sein, heilen oder Energie liefern. Als ich fragte, wo denn die Schönheit bleibt, musste er nicht lange überlegen. „Auch das ist Heilung“, sagte er. Und da waren wir sofort beieinander, denn genau so sehe ich meine Arbeit als Staudengärtnerin auch.

Der Boden baut sich von oben auf

Komposter mit frischem Gartenschnitt als organisches Material für den Bodenaufbau
Nichts geht verloren: Organisches Material wird zu neuem Boden.

Das Prinzip, das mich am meisten überzeugt hat, ist so einfach wie klug. „Es wird nichts mehr umgegraben“, sagt Matthias. Der Boden soll sich wie im Wald von oben aufbauen. Blätter bleiben liegen, geschnittenes Material bleibt auf der Fläche, alles zersetzt sich und baut Bodenleben auf. Er hat die Fläche über einen Winter mit Hackschnitzeln bedeckt und darauf gepflanzt. Das Ergebnis hat ihn selbst überrascht: Der Boden hält viel mehr Feuchtigkeit als vorher.

Hier haben wir übrigens freundlich gestritten, denn auf meine Staudenbeete kommen keine Hackschnitzel, sie entziehen dem Boden Stickstoff. Ich mulche lieber mit feinem Staudenmaterial. Genau das ist das Schöne an so einem Gespräch: zwei Wege, ein Ziel, ein lebendiger Boden.

Vielfalt ist Widerstandskraft

Trockenmauer mit Borretsch und blühenden Kräutern als Lebensraum für Insekten
Eine Trockenmauer ist Beet und Lebensraum zugleich.

Warum überhaupt so viele Arten? „Monokulturen funktionieren nicht“, sagt Matthias. „Da ist keine Widerstandskraft im System.“ Fällt in einem vielfältigen Garten eine Art aus, übernimmt eine andere mit ähnlicher Aufgabe. Deshalb gehören für ihn auch Strukturen für Tiere dazu: Totholz, eine Trockenmauer, ein Steinhaufen, in dem sich Eidechsen wärmen. Es geht ihm nicht nur um Schönheit, sondern darum, das ganze Ökosystem in seiner Vielfalt zu stärken.

Mehr als ein Garten

Gewächshaus mit Hochbeeten und Holzweg im Waldgarten-Projekt
Im Gewächshaus wachsen einjährige Kulturen, ein zweites Versuchsfeld.

Zum Waldgarten gehören bei Matthias auch ein Gewächshaus und ein Folientunnel. Dort wachsen einjährige Kulturen wie Tomaten und Mangold, anders als im mehrjährigen Waldgartensystem. Für ihn ist das Ganze ein Versuchsfeld und zugleich ein Ort der Begegnung. Menschen sollen kommen, den Unterschied mit eigenen Augen sehen und Lust bekommen, selbst etwas auszuprobieren.

Dahinter steht eine große Frage. „Ich will wissen, was man dem Wahnsinn, der da draußen herrscht, entgegensetzen kann“, sagt er. Selbstversorgung, Vernetzung, Wissen weitergeben. Im Kleinen erprobt er, was er im Größeren für möglich hält.

Woran du einen guten Baumpfleger erkennst

Ein Baum, der lange in deinem Garten steht, ist mehr als Kulisse. Über die Jahre entsteht eine Beziehung zu ihm. Umso mehr lohnt sich die Frage, wem du ihn in die Hände gibst. Denn ein unsachgemäßer Schnitt kann einen Baum dauerhaft schädigen, und das lässt sich kaum wieder gutmachen.

Der wichtigste Satz zuerst: Ein Baum reagiert auf die Art, wie man ihn schneidet, und zwar auf eine nachvollziehbare Weise. Matthias erklärt es so: Ein radikaler Rückschnitt bewirkt oft das Gegenteil von dem, was sich die Leute wünschen. Der Baum will die verlorene Blattmasse ersetzen und schießt mit vielen neuen Trieben aus. Das Ergebnis ist mehr Laub als vorher, und diese schnell gewachsenen Triebe sind schlecht angebunden und brechen später leichter aus. „Der Baum ist kein dummes Wesen“, sagt er. „Das ist ein recht intelligentes System.“ Statt zu kappen, lichtet er die Krone aus oder kürzt sie behutsam ein, oft über mehrere Jahre verteilt.

Woran erkennst du nun jemanden, der das versteht? An drei Dingen.

  • Am Ergebnis. Schau dir Bäume in Gärten in deinem Umfeld an. Hat ein Baum Luft in der Krone und eine natürliche Form, war da jemand am Werk, der sein Handwerk kennt. Sieht er aus, als wäre er amputiert worden, dann eher nicht. Mir ist das neulich bei einer Kundin aufgefallen: Der Baum stand in der Wiese, die Wurzeln schauten schon heraus, und ich sagte gleich, der Fuß muss bepflanzt werden. Aber geschnitten war er wunderbar. Genau daran sieht man Qualität.
  • An den Fragen, die dir gestellt werden. Ein guter Baumpfleger fragt zuerst nach deinem Ziel, bevor er zur Säge greift. Wer sofort weiß, dass alles radikal runter muss, hat nicht hingeschaut.
  • An der Aufklärung. Er erklärt dir, was er tut und warum. Und er ist ehrlich, wenn eine Aufgabe nicht in seine Hände gehört. Denn nicht jede Person, die im Garten arbeitet, kann auch Bäume schneiden.

Wie fängst du im eigenen Garten an?

Junger Baum mit bepflanztem Fuß, Steinhaufen und Sandbeet für Insekten
Der einfachste erste Schritt: dem Baum einen bepflanzten Fuß geben und Raum für Wildtiere schaffen.

Du musst keinen ganzen Waldgarten anlegen, um von diesem Denken zu profitieren. Der einfachste Schritt: Lass deinen Baum nicht allein in der Wiese stehen, sondern gib ihm einen bepflanzten Fuß. Das schützt den Boden, hält Feuchtigkeit und macht aus einem Solisten einen Teil eines Ganzen. Und wenn dein Rasen im Sommer ohnehin monatelang braun ist, darfst du dich fragen, ob dort nicht ein kleines, vielfältiges Beet mehr Freude machen würde. Ökologisch wertvoller ist es allemal, und pflegeleichter oft auch. Wenn du tiefer einsteigen willst: In Die 3 größten Fehler bei der Gartengestaltung und in Warum die meisten Gärten chaotisch wirken findest du die Grundlagen zu Standort und Struktur.

Häufige Fragen

Was ist ein Waldgarten?

Ein Waldgarten ist ein Garten nach dem Vorbild eines lichten Waldes, aufgebaut in mehreren Ebenen von großen Bäumen bis zu Bodendeckern und Pilzen. Der Boden wird nicht umgegraben, sondern baut sich von oben auf, und fast alles hat einen Nutzen.

Kann man einen Waldgarten auch im kleinen Garten anlegen?

Ja. Du musst nicht alle Ebenen unterbringen. Schon ein Baum mit bepflanztem Fuß, ein paar Beerensträucher und eine Staudenschicht sind ein Anfang. Der Gedanke zählt, nicht die Größe.

Woran erkenne ich einen guten Baumpfleger?

An drei Dingen: am Ergebnis (hat der Baum Luft in der Krone und eine natürliche Form), an den Fragen, die er dir stellt (er fragt zuerst nach deinem Ziel), und daran, dass er dir erklärt, was er tut.

Warum schadet ein radikaler Rückschnitt?

Weil der Baum die verlorene Blattmasse ersetzen will und mit vielen neuen Trieben ausschießt. Das Ergebnis ist mehr Laub als vorher, und diese Triebe sind schlecht angebunden und brechen leichter aus.

Ein Waldgarten zahlt auf diese Nachhaltigkeitsziele ein:

Zum Schluss

Alte Gießkanne an einem Baum in einem naturnahen Waldgarten
Ein Garten, der mit dem Klima arbeitet, braucht die Gießkanne seltener, als man denkt.

Ich bin an diesem Vormittag mit einer Frage gekommen und mit viel mehr gegangen. Ein Waldgarten ist kein Trend, den man abhaken kann. Er ist eine Haltung: den Boden aufbauen statt ausbeuten, Vielfalt zulassen, dem Leben zutrauen, dass es sich selbst trägt. Und er ist ein Ort der Beziehung, zu den Pflanzen, zu den Tieren und zu sich selbst.

Genau das wünsche ich dir für deinen Garten. Dass er nicht nur schön ist, sondern ein Ort, an dem du wieder in Verbindung kommst.

Herzlichst, deine Sadhana 💚

Ein Waldgarten und die 17 Nachhaltigkeitsziele

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