Warum die meisten Gärten chaotisch wirken und wie du Struktur reinbringst

Warum die meisten Gärten chaotisch wirken und wie du Struktur reinbringst

Wenn ich zum ersten Mal in einen Garten komme, höre ich oft denselben Satz: „Irgendwie ist das alles nichts Ganzes.“ Die Besitzerin zeigt auf ein Beet, das sie liebt, auf eine Ecke, die sie stört, und auf vieles dazwischen, das eben da ist. Schön im Einzelnen, unruhig im Ganzen.

Der Grund dafür ist fast nie ein Mangel an schönen Pflanzen. Der Grund ist, dass dem Garten die Räume fehlen.

Üppiges Staudenbeet mit violettem Patagonischem Eisenkraut, silbrigem Wollziest und weißen Margeriten
Schön im Einzelnen. Erst Räume machen daraus ein Ganzes.

Warum dein Garten chaotisch wirkt, obwohl jede Ecke schön ist



Ein Garten ist keine Sammlung schöner Bilder, er ist eine Wohnung im Freien. Du erfährst, warum ein Blick, der an der Mülltonne endet, den ganzen Garten unruhig macht. Und wie eine Bank unterm Baum daraus einen Lieblingsort macht. Du lernst ein Paar kennen, dessen Gartenprojekte sich zwei Jahre lang stückelten, und eine Kundin mit einer Rasenfläche, die „halt einfach da“ war. Am Ende planst du deine eigenen Gartenräume mit Haftnotizen, auf Papier, bevor der Spaten kommt.

„So haben sich diese Projekte gestückelt“

Vor Kurzem habe ich ein Paar begleitet, Mitte dreißig, das ein Haus aus der Familie übernommen hat. Ein Hanggrundstück, auf dem schon viel vorhanden war. In zwei Jahren sind die beiden lauter kleine Projekte angegangen: ein Hochbeet für etwas Gemüse, eine geschenkte Säulenbirne, die irgendwo einen Platz bekam, ein Strauch als Sichtschutz zum Nachbargrundstück, ein Weidengeflecht am Eingang, das richtig schön geworden ist. Dazu der Wunsch, von der Küche direkt in den Garten zu gehen.

Kein einziges dieser Projekte war falsch. Und trotzdem fühlte sich ihr Garten für die beiden nicht wie ein Ganzes an. Was fehlte, war weder Fleiß noch Geschmack. Die beiden hatten sich nie darauf verständigt, was sie in ihrem Garten gemeinsam erleben wollen. So haben sich diese Projekte gestückelt, eines neben dem anderen, jedes für sich sinnvoll, keines mit Bezug zum Rest.

Rundes Holzdeck mit Gartenbank und Tisch zwischen blühenden Wieseninseln
Jedes Projekt für sich gelungen. Der Plan verbindet sie.

Ein Garten ist kein Bild, er ist eine Wohnung im Freien

Stell dir ein Haus vor, in dem alle Möbel in einem einzigen großen Raum stehen: Bett neben Esstisch, Sofa neben Werkbank. Jedes Möbelstück kann hochwertig sein, der Raum wirkt trotzdem chaotisch. In Innenräumen käme niemand auf diese Idee. In Gärten passiert genau das ständig.

Ein Garten wird ruhig, sobald er Räume bekommt: einen Bereich zum Ankommen und Sitzen, einen zum Ernten, einen für die wilde Natur, Übergänge dazwischen. Auch die Terrasse ist ein Raum. Und Räume brauchen keine Mauern. Eine Hecke, ein Gräserband, ein Bogen, ein Wechsel im Bodenbelag oder ein höheres Beet, das den Blick lenkt: Mit solchen Mitteln gibst du dem Wilden Struktur, ohne dass dein Garten seine Lebendigkeit verliert.

Schmiedeeiserne Bank in einer Nische zwischen hohen Gräsern und Hecke
Räume brauchen keine Mauern. Gräser und Hecken genügen.

Blickachsen: Das Auge braucht ein Ziel

Das zweite Strukturmittel kostet nichts: die Blickachse. Wenn dein Blick vom Küchenfenster oder vom Sitzplatz aus ins Leere läuft oder an der Mülltonne endet, wirkt der Garten unfertig, ganz gleich, wie viel darin blüht. Kommt der Blick dagegen an einem Ziel an, einem besonderen Strauch, einer Bank, einem Wasserspiel, entsteht Ordnung im Kopf, noch bevor du irgendetwas umgegraben hast.

Deshalb beginnt Strukturarbeit nicht draußen, sondern am Fenster. Wo schaust du am häufigsten hin? Und was siehst du dort?

Kiesweg, gesäumt von blauer Katzenminze, führt auf ein Gartentor mit Rosenbogen zu
Das Auge braucht ein Ziel. Hier endet der Blick am Tor unter Rosen.

„Die ist halt einfach da“: Flächen ohne Aufgabe

Neulich hatte ich ein Kennenlerngespräch mit einer Kundin. Ihr Garten ist flach und von allen Seiten einsehbar: zwei Sitzplätze, ein einzelnes großes Gras mitten auf der Fläche, an den Rändern etwas Bepflanzung, dazwischen eine große, im Sommer verbrannte Rasenfläche. Die Nachbar:innen können hineinschauen, und die Mieter:innen über ihr schauen ihr direkt auf den Kopf. Ihr Wunsch: Geborgenheit. In der Sprache der Garten-Archetypen ist das die Insel, ein Ort, der dich umschließt und schützt.

Als wir bei der großen Rasenfläche ankamen, wollte ich von ihr wissen, wofür sie diese Fläche braucht. Ihre Antwort: „Die hat eigentlich gar keine Funktion, die ist halt einfach da.“

Genau solche Flächen erzeugen das Chaos-Gefühl. Ein Ort ohne Aufgabe trägt nichts zum Ganzen bei, er liegt nur dazwischen. Dazu kommt das Klima: Rasen wird künftig nur noch einen Teil des Jahres grün sein. Ständiges Gießen ist keine Lösung, womöglich wird das Wässern in trockenen Sommern sogar eingeschränkt. Wer heute plant, richtet seinen Garten besser gleich darauf ein.

Ein Baum, drei Aufgaben

Im selben Gespräch kamen wir auf ihre Hortensien. Sie stehen in der prallen Sonne und verbrennen, sie brauchen also einen Baum, der ihnen Schatten spendet. Statt ihn irgendwohin zu setzen, haben wir auf den Garten als Ganzes geschaut: An der Seite mit dem Sitzplatz übernimmt derselbe Baum drei Aufgaben zugleich. Er schützt vor den Blicken von oben, er beschattet die Hortensien, und er beschattet den Sitzplatz.

Ihre Reaktion: „Ja, toll, daran habe ich ja noch gar nicht gedacht.“

Das ist der Kern von Struktur: nicht mehr kaufen, sondern klüger verbinden. Wo sich Projekte stückeln, löst jedes Element nur ein einzelnes Problem. Wo Struktur entsteht, übernimmt ein Element mehrere Aufgaben und verbindet die Räume miteinander.

Sitzgruppe mit Sonnenschirm im Schatten eines Obstbaums, eingefasst von niedriger Hecke
Ein Baum, mehrere Aufgaben: Schatten, Schutz und Rahmen für den Sitzplatz.

Die Übung: Räume auf Papier, bevor der Spaten kommt

Aus meiner Arbeit mit Kund:innen hat sich eine Übung bewährt. Nimm einen groben Plan deines Grundstücks, ein Blatt Papier reicht, und einen Block Haftnotizen. Schreib auf jede Notiz eine Nutzung: sitzen und Kaffee trinken, ernten, Vögel füttern, Wäsche trocknen, Feuer machen, ungestört lesen. Auch die Wünsche deiner Familie gehören dazu.

Sammle erst frei, ohne zu bewerten. Dann ordne die Zettel zu Gruppen, verwandte Nutzungen zusammen: das Ruhige zum Ruhigen, das Lebhafte zum Lebhaften. Erst jetzt schieb die Gruppen auf dem Plan herum, bis die Nachbarschaften stimmen: Ruhe nicht neben Toben, Ernten nah an der Küche, der Kompost nicht im schönsten Blickfeld.

Haftnotizen gruppieren Gartenwünsche rund um Kräuter, Obst und Gemüse auf einem Blatt Papier
So sieht die Übung in echt aus: Aus Nutzungen werden Räume, auf Papier.

Das ist der Kern dessen, was ich mit meinen Kund:innen in der Gartenplanung mache, bevor auch nur eine Pflanze bestellt wird. Aus Nutzungen werden Räume, aus Räumen wird Struktur, und aus Struktur entsteht das Gefühl, das du suchst: ein Garten, der sich stimmig anfühlt, in dem jeder Ort eine Aufgabe hat und der Schritt für Schritt zu deinem Lieblingsort wird.

Struktur kannst du lernen

Wenn du dir dabei Begleitung wünschst: Vom 26. bis 28. August zeige ich dir in meinem kostenfreien Workshop „Vom Chaos zum Kraftort“ live, wie du vom Ist-Zustand über deine Lieblingsorte zu einem klaren Plan kommst. Drei Abende, jeweils von 19:00 bis 19:45 Uhr, mit Übungen zum direkten Mitmachen. Hier erfährst du mehr über den Inhalt des Workshops und kannst dich anmelden:

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