Mein Kraftort im Garten ist eine Hängematte. Seit vierzehn Jahren hängt sie zwischen zwei Bäumen, einem alten Kirschbaum und einem Pflaumenbaum. Der Kirschbaum stand schon lange. Auf den Pflaumenbaum musste ich vier Jahre warten, bis er stark genug geworden war, um mich zu tragen.
Jedes Jahr wurde er stärker. Jedes Jahr dachte ich: Bald ist es so weit.
Ich wollte unbedingt eine Hängematte in meinem Garten. Warum, das war mir gar nicht so recht klar. Ich hatte ein inneres Bild, ein Gefühl.

Eine vergessene Erinnerung
Als ich anfing, über meinen Kraftort zu schreiben, kam die Erinnerung zurück.
Mexiko.
Damals war ich Ende zwanzig und auf Weltreise. Indien, Australien, Thailand, Kanada, Guatemala und Mexiko.

Ich war allein unterwegs. Mein Spanisch bestand aus wenigen Wörtern. Vieles funktionierte mit Gesten, einem Lächeln und Vertrauen.
Eines Tages stieg ich spontan in Cancún in den Bus. Er setzte mich in Tulum aus, einem kleinen Küstenort, dessen Hauptstraße allerdings nicht direkt an der Küste liegt. Vom Meer war nichts zu sehen.
So wie schon auf der ganzen Reise kam ich mit jemandem ins Gespräch. Die Person sagte: Ich kenne da jemanden. Der hat ein Grundstück, direkt am Meer. Darauf steht eine Hütte, neun Quadratmeter, kaum mehr als der Rohbau. Aber mit zwei Haken für eine Hängematte.
So kam ich an einen Ort, den ich nie geplant hatte.
Eine Hütte am Meer
Dort stand sie. Eine einzige Hütte am Meer.
Es gab keinen Komfort. Die Küche bestand aus einigen aufgeschichteten Steinen mit einem Gitter darüber. Wasser holte ich mit einem Eimer aus einem Brunnen.
In Mexiko schlafen viele Menschen in Hängematten. Für mich war das neu. Ich spannte meine zwischen die beiden Haken.
Aus einigen Tagen wurden zwei Monate.
Vor mir lag das Meer. Hinter mir lag das Land. Links und rechts kaum Nachbarn.
Mein Alltag war einfach.
Morgens sammelte ich Holz am Strand und kochte Kaffee über dem Feuer. Manchmal fiel eine Kokosnuss von den Palmen. Mit einer stumpfen Machete öffnete ich sie.
Viel mehr brauchte es nicht.
Im Rhythmus der Natur
Ohne Strom, ohne Uhr, ohne festen Plan richtete sich mein Tag nach dem Licht.
Ich stand auf, wenn es hell wurde. Ich ruhte, wenn die Sonne am höchsten stand. Die Gezeiten, der Wind, die Hitze am Mittag gaben den Takt vor, nicht ein Kalender.
Dieser Rhythmus hat etwas mit mir gemacht. Ich wurde ruhiger. Ich wurde achtsamer. Ich spürte, dass ich Teil von etwas Größerem war, nicht sein Mittelpunkt.
Diese Erfahrung hat mir etwas gezeigt, das ich bis heute in mir trage.
Wie wenig nötig ist, um mich glücklich zu fühlen.
Warum ich die Hängematte wollte
Als ich zurück nach Deutschland kam, blieb dieses Gefühl. Nur den Grund dafür hatte ich Jahre später aus den Augen verloren.
Ich wusste nur: Ich wollte eine Hängematte in meinem Garten.
Heute verstehe ich, warum.
Die Hängematte ist die Verbindung zu jener Zeit am Meer. Zu Freiheit. Zu Vertrauen. Zu dem Gefühl, ganz im Moment zu sein.
Vier Jahre habe ich gewartet, bis die Bäume sie tragen konnten.
Jeder Kraftort hat einen Archetyp
Hinter solchen Plätzen steht mehr als Zufall. Es gibt eine räumliche Psychologie, die erklärt, warum uns bestimmte Orte Kraft geben. Jeder von ihnen verkörpert einen Archetyp. Meiner ist der Himmel: hängen, schaukeln, nach oben schauen, leicht werden, loslassen. Bei dir ist es vielleicht ein anderer. Ein geschützter Winkel, in dem du zur Ruhe kommst. Oder ein offener Platz mit Blick in die Weite.
Mehr über die sieben Archetypen und ihre Wirkung liest du hier.
Welche Qualität in deinem Garten noch fehlt, zeigt dir mein Quiz.
Genau darum geht es in meiner Arbeit am Seelendesign eines Gartens: den Ort zu finden, an dem du wirklich auftankst, und ihn dann zu gestalten.

Was die Natur mich für meine Arbeit gelehrt hat
Ich gestalte Gärten. Und die Haltung, die ich an der mexikanischen Küste gelernt habe, prägt jeden Entwurf, den ich heute mache.
Ein Garten folgt einem eigenen Rhythmus. Er lässt sich nicht beschleunigen. Der Pflaumenbaum hat vier Jahre gebraucht, bis er die Hängematte tragen konnte. Eine Staudenpflanzung braucht drei Jahre, bis sie ihr Bild zeigt. Wer das versteht, plant anders. Geduldiger. Mit Blick auf das, was werden darf, statt auf das, was sofort fertig aussehen soll.
In Mexiko habe ich gelernt, mit wenig auszukommen. Diese Haltung trage ich in die Gartengestaltung. Ein guter Garten braucht keine Fülle an Material und keine ständige Pflege. Er braucht die richtigen Pflanzen am richtigen Ort. Pflanzengemeinschaften, die zusammenpassen und sich gegenseitig stützen, machen vieles überflüssig, was ein durchgestylter Garten an Arbeit verlangt. Wie daraus ein pflegeleichter Garten wird, liest du in meinem Beitrag über naturnahe Gartengestaltung.
Und ich habe gelernt, genau hinzuschauen. Welcher Boden ist hier? Wie fällt das Licht? Wohin zieht das Wasser? Ein Garten, der zum Ort und zum Menschen passt, entsteht aus diesem Hinschauen, nicht aus einem Katalog.
Wie du dir deinen eigenen Kraftort im Garten schaffst
Ein Rückzugsort im Garten muss nichts Großes sein. Drei Dinge helfen dir dabei.
Tipp 1: Wähle den Platz nach dem Licht. Geh an verschiedenen Tageszeiten in deinen Garten und schau, wo du dich wohlfühlst. Morgensonne, Mittagsschatten unter einem Baum, das warme Licht am Abend. Der beste Ruheplatz richtet sich nach dem Lauf der Sonne, nicht nach dem freien Eck.
Tipp 2: Lass etwas wachsen, das dem Ort Halt gibt. Ein Baum, der Schatten spendet. Eine Hecke, die dir den Rücken deckt. Ein Strauch, der den Platz mit den Jahren umfängt. So etwas braucht Zeit. Pflanze jetzt, auch wenn die Wirkung erst in ein paar Jahren kommt. Bis dahin helfen ein Sonnensegel oder ein einfaches Spalier.
Tipp 3: Hol die Natur an den Ruheplatz. Setze rundherum, was summt und duftet. Stauden, die Insekten anziehen, blühende Sträucher, eine kleine wilde Ecke. So entsteht Leben um dich herum. Du ruhst nicht in einer leeren Kulisse, sondern mitten darin. In meinem Blogartikel Wie du deinen Garten bienenfreundlich gestaltestfindest du Inspiration.
Diese drei Dinge schaffen einen guten Ruheplatz. Zum Kraftort wird er erst, wenn er dich mit etwas verbindet. Wenn er dir gibt, was du gerade brauchst, Ruhe, Weite oder das Gefühl, getragen zu sein. Und wenn du dort spürst, dass du Teil von etwas Größerem bist.
Mein Kraftort
Heute liege ich in meiner Hängematte unter dem Pflaumenbaum.
Ich höre nicht das Meer. Ich höre Vögel, Wind in den Blättern und das Summen der Insekten.
Im Frühsommer riecht es nach warmer Erde und Blüten. Das Licht fällt durch das Laub und wandert über meine Arme.
Mein Kraftort ist deshalb nicht nur ein Platz in meinem Garten. Er ist die Verbindung zwischen meinem heutigen Leben und einer Zeit, die mich wesentlich geprägt hat. Zwischen einer Hütte am Meer und einem Baum, der wachsen durfte.
Und er erinnert mich jeden Tag daran, worauf es ankommt: hinzuschauen, dem Wachstum Zeit zu lassen und im Rhythmus der Natur zu leben.

Dieser Beitrag ist mein eigener Beitrag zur Blogparade „Welcher Ort ist dein Kraftort?“.
Schreib mir in den Kommentaren: Welcher Ort gibt dir Kraft? Wo kannst du auftanken, durchatmen oder neue Klarheit finden?
– oder verlinke deinen eigenen Blogartikel zur Blogparade „Was ist dein Kraftort?“*
*Was ist eine Blogparade? Eine Blogparade ist eine Einladung, gemeinsam zu einem Thema zu bloggen. Jede*r auf der eigenen Website. So entsteht eine Sammlung vielfältiger Beiträge und eine schöne Möglichkeit zur Vernetzung.
👉 Mehr dazu bei Judith Peters



