Dein Garten, deine Gartenliebe: Warum ein lebendiger Garten alle Sinne berührt
Letzte Woche habe ich „Die Gärtnerin von Versailles“ gesehen, zum wiederholten Mal. Danach schwebte ich tagelang in Gedanken durch Buchenhecken und Wasserspiele, untergehakt an der Seite von André Le Nôtre, sprühend vor Ideen und Pflanzenleidenschaft. Und wenn du den Film kennst, weißt du: Zwischen den beiden an den Wasserkaskaden knistert es gewaltig.
Genau dieses Knistern brachte mich auf eine Frage: Hat der Garten womöglich unterstützend mitgewirkt, dass es zwischen den beiden so knistert? Und wie sinnlich ist Gärtnern eigentlich? Wirklich? Das hat mich dazu bewogen, tiefer darüber nachzudenken und meine Gedanken festzuhalten.
Eine Freundin hat kürzlich zu mir gesagt, ihr Garten sei für sie wie ein Liebhaber. Ich musste lachen, und dann dachte ich: Sie hat recht. Ein Garten ist kein stummes Bild, das du nur betrachtest. Er ist ein Raum, den du mit allen Sinnen bewohnst. Er berührt dich, er nährt dich, er überrascht dich.
Ein Wandelpfad lädt dich ein, deinen Garten Station für Station mit allen Sinnen zu gehen.
Kurz und sinnlich
Ein Garten spricht alle fünf Sinne an, nicht nur das Auge. Wer Sehen, Riechen, Fühlen, Hören und Schmecken bewusst wahrnimmt, plant besser, pflanzt gezielter und bleibt länger draußen. Der Wandelpfad gibt dir dafür ein Gerüst: ein Weg durch deinen Garten, der bewusst gestaltet, was du wann und wo erlebst. Dafür brauchst du keinen großen Garten, sondern nur Aufmerksamkeit.
• Sehen: Tautropfen wie Perlen auf dem Frauenmantel und die bereifte Karde, die im Winternebel zur Skulptur wird • Riechen: feuchte Frühlingserde, schwerer Rosenduft und die Nachtviole, die erst am Abend betört • Fühlen: samtiger Wollziest, die Kühle eines Steins, barfuß über das frisch geharkte Beet • Hören: Bienen im Lavendel, Regen auf dem Gewächshausdach und eine Amsel, die wie ein kleines Orchester klingt • Schmecken: sonnenwarme Himbeeren vom Strauch, Naschgarten und Kräuter für die Sommerküche
Dazu bekommst du den Wandelpfad, eine Methode, mit der du deinen Garten Station für Station für alle Sinne gestaltest, eine Übung fürs Notizbuch und eine Einladung, Lieblingswörter an deinen Garten zu sammeln. Am Ende siehst du deinen Garten mit anderen Augen, das ganze Jahr über, auch im Winter.
Ein Garten empfängt dich zuerst mit Farben. Leuchtend roter Mohn, zartblaue Vergissmeinnicht, strahlend gelb-orangefarbene Sonnenbraut (Helenium). Aber dein Auge sieht mehr, wenn du es lässt. Es sieht die raue Rinde eines alten Kirschbaums neben dem glatten, fast polierten Stamm einer jungen Buche. Die Tautropfen, die morgens auf dem Frauenmantel (Alchemilla epipsila) stehen wie kleine Perlen. Das filigrane, fiedrige Laub eines Farns im Kontrast zum festen, ledrigen Blatt des Rhododendrons.
Das ist die zweite Ebene des Sehens: Textur, Struktur, Form. Wenn du diesen Blick entwickelst, planst du deinen Garten nicht mehr nur nach Blütenfarben, sondern nach dem, was er dir das ganze Jahr über zeigt. Auch im Winter, wenn der bereifte Stängel der Wilden Karde (Dipsacus fullonum) wie eine Skulptur im Nebel steht.
Tautropfen wie kleine Perlen: Der Frauenmantel fängt jeden Regen auf.
Riechen: Der Kalender der Düfte
Dein Garten duftet zu jeder Jahreszeit anders. Im Frühling riecht es nach feuchter Erde und dem Versprechen von Narzissen. Im Hochsommer hängt der schwere, süße Duft von Phlox und Rosen in der Luft. Und an einem heißen Nachmittag im August riecht es nach dem harzigen Aroma der Zistrosen und dem würzigen Staub von trockenem Thymian.
Dazu kommen die Spezialistinnen: Die Nachtviole (Hesperis matronalis) verströmt ihren Duft erst am Abend. Tagsüber kaum wahrnehmbar, abends plötzlich betörend, und dann kommen die Nachtfalter. Ich freue mich jedes Jahr aufs Neue auf die Düfte, die jede Jahreszeit mit sich bringt.
Schwerer Sommerduft: Lilien gehören zu den Duftköniginnen im Beet.
Fühlen: Der direkte Kontakt
Die Hände in der Erde zu haben, ist Erdung pur, ganz ohne Esoterik-Kurs. Wenn du schon einmal barfuß über ein frisch geharktes Beet gelaufen bist, weißt du, wovon ich rede. Die Finger, die über die samtigen Blätter des Wollziests (Stachys byzantina) streichen. Die krokodilartige Unterseite der Wilden Karde. Die Kühle eines Steins an einem heißen Tag. Die raue Oberfläche eines Kürbisses.
Diese Momente holen dich aus dem Kopf zurück in den Körper. Sie sind der direkteste Weg, im Hier und Jetzt anzukommen. Der Garten nährt mit Haut und Haaren.
Die Wilde Karde zeigt ihre raue Seite, fast wie Krokodilhaut unter den Fingern.
Hören: Der Soundtrack deines Gartens
Ein Garten ist nie still. Da ist das Summen der Bienen in den Lavendelblüten, das hohe Zirpen der Grillen an einem Sommerabend. Das Rascheln der Blätter im Wind, das je nach Pflanze anders klingt: Ein Bambus raschelt anders als eine Zitterpappel, und die wieder anders als ein Haselnussstrauch. Und dann der Regen, auf großen Blättern, auf dem Glasdach des Gewächshauses, auf der Erde.
Mir fällt immer wieder auf, dass ich im Garten anders höre als drinnen. Die Geräusche kommen von allen Seiten. Letztens habe ich im Laden eine Zwitscherbox gesehen, eine kleine Box, die Vogelgezwitscher in Innenräume bringt. Ich war überrascht, was es nicht alles gibt. Und dachte: Wie glücklich können sich alle schätzen, die einen eigenen Garten haben und nur vor die Tür gehen oder das Fenster öffnen müssen. Eine Amsel, die sich im Beerenbusch versteckt und dabei wie ein kleines Orchester klingt, ist wertvoller als jede Zwitscherbox und jede Windharfe aus dem Gartencenter.
Schmecken: Was dein Garten dir auf die Zunge legt
Der Geschmackssinn ist der direkteste Sinn im Garten. Kein Vermitteln, kein Beschreiben. Eine reife Himbeere, direkt vom Strauch gegessen, ist eine andere Erfahrung als dieselbe Himbeere aus dem Supermarkt. Das liegt nicht nur am Zucker. Es liegt am Moment: die Wärme, die die Frucht gespeichert hat, der leichte Widerstand der Beere zwischen deinen Fingern, bevor du sie pflückst.
Eine Etage meines Gartens ist ein Naschgarten. Dort wachsen Beerenpflanzen, dazwischen überall Wilde Erdbeeren (Fragaria vesca), Rhabarber, Waldmeister und Minze. Ich nasche dort im Vorbeigehen. Eine Etage weiter oben wachsen wieder Wilde Erdbeeren, dazu die mediterranen Kräuter.
Ernte aus dem Naschgarten: Wilde Erdbeeren und Johannisbeeren, gepflückt im Vorbeigehen.
Wenn du Kräuter anbaust, hast du fast das ganze Jahr etwas auf der Zunge. Im April die ersten Blätter der Zitronenmelisse (Melissa officinalis), ein Tipp dazu: Schneide sie unbedingt zurück, bevor sie sich versamt. Im Juni der frisch geschnittene Liebstöckel (Levisticum officinale). Im Sommer Thymian, Oregano, Rosmarin und Basilikum, denn was wäre ein Sommer mit Tomaten-Pasta-Soße ohne diese Kombi? Im Herbst dann Salbei (Salvia officinalis), den ich gerne kurz in Butter schwenke. Und selbst im Winter: der frische Biss von Winterpostelein (Claytonia perfoliata), wenn draußen sonst kaum noch etwas wächst.
Der Wandelpfad: Alle Sinne auf einem Weg
Jede Gartengestaltung beginne ich mit zwei Fragen: Was willst du in deinem Garten erleben? Was willst du in deinem Garten machen? Wenn deine Antwort lautet, dass du deinen Garten mit allen Sinnen erleben willst, gibt dir der Wandelpfad dafür ein Gerüst: einen Weg durch deinen Garten, der bewusst plant, was du wann und wo erlebst. Kein starrer Rundgang, sondern eine Abfolge von Momenten.
Das Prinzip: Geh den Weg, den du täglich gehst, einmal mit einem Notizbuch ab und frag dich an jeder Station: Was sehe ich hier? Wonach riecht es? Was höre ich? Was könnte ich anfassen? Was wächst hier, das ich essen könnte? An manchen Stellen wirst du auf mehrere Fragen gleichzeitig eine reiche Antwort finden. An anderen noch nicht, und genau das ist der Hinweis, wo sich etwas verändern darf.
Ein Wandelpfad lädt dich ein, deinen Garten Station für Station mit allen Sinnen zu gehen.
Am Eingang zum Garten könntest du auf Stauden und Gehölze mit starkem Duft setzen: Lavendel (Lavandula angustifolia), Katzenminze (Nepeta) oder eine Kletterrose an der Pforte. Der Duft signalisiert deinem Körper: Jetzt bin ich draußen. Am Sitzplatz kommt das Visuelle dazu, die Farben, die Bewegung. Und auf dem Weg dazwischen gibt es etwas zu greifen, zu hören, zu schmecken.
Ein Wandelpfad braucht keinen großen Garten. Auch ein Reihenhausgärtchen von fünf mal zwölf Metern hat Stationen, wenn du sie anlegst. Die Frage ist nicht, wie viel Platz du hast, sondern wie bewusst du ihn bespielst.
Lieblingswörter an deinen Garten
Ich lade dich zu etwas ein: Leg dir eine Liste mit Lieblingswörtern an deinen Garten an. Wörter, die für dich nach Garten klingen und die du immer wieder hervorholen kannst, wie eine Handvoll Saatgut. Im Notizbuch, auf einem Zettel am Kühlschrank oder in deinem Gartentagebuch.
Meine Liste klingt so: Kraftort. Seelengarten. Blühendes Paradies. Staunen. Verwurzelung. Anmut. Dem Wilden Struktur geben. Die Wiederverzauberung der Welt.
Ich merke: Dadurch, dass ich mich mit diesen Wörtern umgebe, verändert sich mein Blick auf den Garten und mein Gefühl zur Welt.
Die Anregung dazu verdanke ich dem Team von Gartenzauber, das seit über 25 Jahren Zitate und Lieblingsworte rund um den Garten sammelt. Dort habe ich auch diesen Satz des brasilianischen Landschaftsarchitekten Roberto Burle Marx gefunden, und besser kann man es nicht sagen:
„Ein Garten ist eine Liebeserklärung an das Leben.“
Roberto Burle Marx
Eine Liebeserklärung, die du zurückgeben kannst
Einen Garten mit allen Sinnen zu erleben, ist keine esoterische Übung. Es ist eine Form der Aufmerksamkeit. Ich merke selbst: Durch diesen Blick plane ich besser, pflanze gezielter und bleibe länger draußen. Der Garten wird nicht nur schöner. Er wird zu einem Ort, an dem du wirklich ankommst. Zu deinem einzigartigen Lieblingsort.
Manchmal ist der erste Schritt dorthin ganz schlicht: langsamer gehen. Innehalten. Und aufhören, den Garten nur zu sehen.
Wenn du deinen Garten neu kennenlernen möchtest, mit allen Sinnen und mit einem klaren Weg dorthin, dann komm in meinen kostenfreien Workshop „Vom Chaos zum Kraftort“:
Sadhana Kraus( Gartengestalterin und ausgebildete Staudengärtnerin )
Wer schreibt hier? Seit über 15 Jahren begleite ich Menschen dabei, ihren Garten bewusst zu entwickeln. Nicht nach Trends, sondern nach dem, was wirklich zu ihnen passt. Dabei konzipiere ich Gärten, die langfristig funktionieren: klimafit, pflegeleicht und mit Persönlichkeit.
Meine Überzeugung: Ein Garten ist kein Dekorationsprojekt. Er ist ein Dialog zwischen dir und der Natur. Du gibst die Richtung vor, die Natur antwortet. Daraus entsteht dein einzigartiger Lieblingsort.
Wenn ich nicht gerade Pflanzpläne zeichne oder in der Erde buddel, findest du mich beim Yoga, auf Reisen oder tanzend auf einem Festival.
Liebe Sadhana, ich möchte jetzt sofort barfuß in den Garten laufen und Himbeeren naschen! ☺️ Vielen Dank für die Einladung zu mehr Achtsamkeit und dem bewussten genießen aller Sinne – nicht nur des Sehens. Die Idee mit einem Notizbuch konkret meinen üblichen Weg zu durchschreiten gefällt mir sehr! Das werde ich in den nächsten Tagen mal tun.
Kinder scheinen das übrigens noch ganz selbstverständlich zu tun, wenn ich beobachte, wie sie manchmal durch den Garten stürmen, vom Sauerampfer zu den ersten Erbsen, natürlich immer barfuß, dann auf den Kirchbaum klettern, sich das Knie aufschürfen an der Rinde oder im Herbst die Tulpenzwiebeln, natürlich ohne Gartenhandschuhe, tief in der Erde verbuddeln. Ein Ort der ihnen Spaß und Entspannung gleichzeitig bringt – weil es alle Sinne berührt?
Herzliche Grüße, Sona
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Liebe Sadhana, ich möchte jetzt sofort barfuß in den Garten laufen und Himbeeren naschen! ☺️ Vielen Dank für die Einladung zu mehr Achtsamkeit und dem bewussten genießen aller Sinne – nicht nur des Sehens. Die Idee mit einem Notizbuch konkret meinen üblichen Weg zu durchschreiten gefällt mir sehr! Das werde ich in den nächsten Tagen mal tun.
Kinder scheinen das übrigens noch ganz selbstverständlich zu tun, wenn ich beobachte, wie sie manchmal durch den Garten stürmen, vom Sauerampfer zu den ersten Erbsen, natürlich immer barfuß, dann auf den Kirchbaum klettern, sich das Knie aufschürfen an der Rinde oder im Herbst die Tulpenzwiebeln, natürlich ohne Gartenhandschuhe, tief in der Erde verbuddeln. Ein Ort der ihnen Spaß und Entspannung gleichzeitig bringt – weil es alle Sinne berührt?
Herzliche Grüße, Sona