Ende Mai stand ich mit Nina in ihrem Schrebergarten in Berlin nahe S-Bahnhof Südkreuz. Ein großes Grundstück, ein Vereinsregelwerk, Hochbeete vom Ex-Mann, ein durchwachsener Rasen. Und im Kopf eine lange Liste von Dingen, die noch erledigt werden müssen. Diese Situation kenne ich aus vielen Beratungen. Wer einen Kleingarten übernimmt, fühlt sich anfangs oft mehr verpflichtet als beschenkt.
In diesem Artikel zeige ich dir, wie ich an die Gestaltung eines Schrebergartens herangehe. Es geht weniger um einzelne Pflanzen als um Struktur und Haltung.

Vom Regelwerk zum Lieblingsort
Vereinsauflagen, Nachbarschaftsblicke und eine endlose Aufgabenliste: So fühlt sich ein Schrebergarten für viele an. In diesem Artikel zeige ich dir einen anderen Weg. Sieben Schritte, die mit Klarheit beginnen, über Wege und Lieblingsorte führen und bei einer Haltung ankommen, die deinen Garten zu deinem Kraftort macht.
Schritt 1: Das Regelwerk klären und Pflicht von Wunsch trennen
Jeder Vereinsgarten hat Auflagen. Sie sind sinnvoll, denn sie schützen die Kolonie davor, als Immobilie verwertet zu werden, und erhalten sie als das, was sie ist. Trotzdem wirken sie oft nebulös und erzeugen ein diffuses Gefühl von Schuld.
Deshalb ist mein erster Schritt: Verschaffe dir Klarheit. Trenne, was wirklich vorgeschrieben ist, von dem, was nur üblich oder erwünscht ist.
Ein praktischer Tipp: Lege das Regelwerk deines Vereins in NotebookLM ab, dem kostenlosen KI-gestützten Recherche- und Notizwerkzeug von Google. Dort kannst du dem Dokument direkt Fragen stellen, etwa: „Welche Auflagen muss ich zwingend erfüllen?“ So bekommst du eine übersichtliche Liste der Must-haves statt einer endlosen gefühlten To-do-Liste.
Bei Nina ergab sich zum Beispiel: Ein Zehntel der Fläche soll Gemüseanbau sein, Obststräucher zählen extra, die Rasenfläche darf einen bestimmten Anteil nicht übersteigen. Nachgemessen stellte sich heraus, dass sie die Vorgaben bereits erfüllt. Mit Hochbeeten, Tomaten, Pflanzsäcken und ein paar zusätzlichen Weinstöcken ist die Quote locker erreicht. Allein dieses Wissen nimmt enormen Druck heraus.

Schritt 2: Die Haltung ändern, aus Auflagen werden Entscheidungen
Hier liegt für mich der eigentliche Schlüssel. Du kannst sagen: „Ich muss hier Gemüse anbauen.“ Oder du sagst: „Ich habe mich für einen Vereinsgarten entschieden, weil ich Gemüse anbauen will.“
Der Unterschied klingt klein, verändert aber alles. Im ersten Fall betrittst du deinen Garten und siehst Pflichten. Im zweiten Fall siehst du Möglichkeiten, die du dir selbst ausgesucht hast. Die Auflage und dein Wunsch fallen zusammen, und der innere Widerstand löst sich auf.
Das gilt für alles, was du in deinem Garten erleben willst: das Gemüse, die Beerenfrüchte, die Blumen für den Strauß, den du dir nach jedem Gartenbesuch mit in die Wohnung nimmst.

Schritt 3: Wege zuerst, denn Ordnung entsteht durch Struktur
Ein Garten wirkt gepflegt, wenn die Wege gepflegt sind. Nicht, wenn jedes Beet perfekt ist.
Das ist eine der wirksamsten Erkenntnisse für alle, die wenig Zeit haben: Wenn du regelmäßig nur die Wege mit dem Rasenmäher durchgehst, was etwa 20 Minuten dauert, sieht der ganze Garten geordnet aus. Jeder, der vorbeikommt, erkennt sofort: Hier kümmert sich jemand. Das beruhigt auch das Verhältnis zu den Vereinsnachbarn.
Wege und klare Strukturen sind das Gerüst. Innerhalb dieses Gerüsts darf es wild sein.
Schritt 4: Der durchwachsene Rasen ist kein Mangel
Viele Kleingärtner messen sich am englischen Rasen. Ökologisch betrachtet ist das Gegenteil erstrebenswert: Ein Rasen mit verschiedenen Gräsern, Klee und Gänseblümchen ist deutlich stabiler als eine Monokultur.
Gerade mit Blick auf trockenere Sommer zahlt sich das aus. Die reinen Rasenflächen vergilben und vertrocknen zuerst. Die durchwachsenen Bereiche mit Kräutern und Klee halten Trockenphasen wesentlich besser durch. Mein Rat: Unterstütze Klee und Gänseblümchen aktiv und lass sie sich aussamen.

Schritt 5: Lieblingsorte statt Aufgabenliste
Ein großer Garten ist ein großes Projekt. Und große Projekte werden handhabbar, indem man sie in kleinere Einheiten teilt. Im Garten nenne ich diese Einheiten Lieblingsorte.
Du gehst durch deinen Garten und benennst die Orte, die dir etwas bedeuten:
- Der geschützte Sitzplatz mit der Rückwand, an die du dich anlehnen kannst. Sicherheit im Rücken, Weite im Blick.
- Der Naschbereich mit Rhabarber, Wein und Erdbeeren
- Der Platz, an dem du mit Menschen zusammensitzt
- Die Gemüsebeete, in denen du erntest

Das Benennen ist wichtig. Aus „dem Hochbeet, das mal jemand zusammengebaut hat“ wird dein Ernteplatz. Vielleicht sogar mit einem stimmungsvollen Namen wie Paradieswinkel oder Platz der reichen Ernte. So entsteht ein persönlicher Bezug, und aus einer Fläche voller Aufgaben wird ein Garten voller Orte.
Schritt 6: Nicht alles auf einen Blick
Die klassische deutsche Kleingarten-Aufteilung sieht so aus: eine offene Mitte, alles andere am Rand entlang. Man überblickt den gesamten Garten in einer Sekunde. Und jeder, der vorbeiläuft, überblickt ihn auch.
Gärten, in denen wir uns wohlfühlen, funktionieren anders. Man kann hineinschauen, aber nicht alles liegt sofort vor einem. Beim Durchlaufen entdeckt man immer wieder Neues. Dafür brauchst du zwei Dinge:
Sichtachsen. Ein Weg, der den Blick in eine Richtung führt, schafft Tiefe. Oft genügt es schon, ein paar wild aufgeschossene Zweige zu entfernen, damit eine solche Achse frei wird.
Geschützte Bereiche. Ein Sitzplatz braucht etwas im Rücken oder an der Seite, damit du dich dort unbeobachtet fühlst. Hohe Stauden leisten das hervorragend. Die Becherpflanze (botanisch Silphium) zum Beispiel wird bis zu drei Meter hoch und bildet einen lebendigen Sichtschutz, am richtigen Ort gepflanzt, versteht sich.

Ein Wort zum Thema Schatten: Viele haben Sorge, dass hohe Pflanzen zu viel verschatten. In Zukunft wird unser Problem aber eher Hitze und Trockenheit sein. Der lichte Schatten von Pflanzen ist meist kein Nachteil, sondern ein Gewinn. Problematisch ist dunkler Gebäudeschatten, etwa an einer Nordwand, nicht das Blätterdach einer Staude.

Schritt 7: Den Perfektionismus zur Seite stellen
Ein Schrebergarten läuft neben dem Leben her, neben Arbeit, Familie und allen anderen Verpflichtungen. Das muss man erst einmal anerkennen.
Deshalb frage ich in jeder Beratung: Was kannst du realistisch leisten? Und wo darfst du deinem Perfektionismus sagen: „Ich höre dich. Ich weiß, du würdest es gerne anders. Aber das ist gerade nicht drin, und wir machen trotzdem etwas Schönes daraus.“
Diese Haltung verändert mehr als jede einzelne Pflanzaktion. Sie macht aus einem Garten, der fordert, einen Garten, der trägt.
Das Wichtigste auf einen Blick
So gehe ich Gartengestaltung im Schrebergarten an:
- Regelwerk klären: Must-haves von Nice-to-haves trennen
- Haltung ändern: Auflagen als eigene Entscheidungen begreifen
- Wege pflegen: Struktur erzeugt den Eindruck von Ordnung
- Durchwachsenen Rasen schätzen: Er ist ökologischer und trockenheitsfester
- Lieblingsorte benennen: Das große Projekt in persönliche Einheiten teilen
- Räume schaffen: Sichtachsen und geschützte Bereiche statt totaler Einsehbarkeit
- Realistisch bleiben: Perfektionismus anerkennen und beiseitestellen
Erst wenn diese Grundlage steht, geht es um konkrete Pflanzen. Denn die Frage ist nicht zuerst, was du pflanzen willst, sondern was du in deinem Garten erleben willst.
Und die Antwort könnte dann lauten: Viele viele schöne und erfüllende Stunden.
Dein nächster Schritt
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Nina bewirtschaftet seit drei Jahren liebevoll ihren Kleingarten im Kolonienverband am Priesterweg in Berlin-Schöneberg. Hauptberuflich arbeitet die gelernte Schauspielerin als Freie Sprecherin u. a. für Hörfunk, Fernsehen und den Hörbuchmarkt. www.ninawest.de.



