Industriegelände naturnah gestalten: Simone Wittkamp im Talk

Industriegelände naturnah gestalten: Simone Wittkamp im Talk

Die Verwandlung einer Industriebrache in ein lebendiges Habitat erfordert Mut, Vision und eine klare Struktur. Im Gespräch mit der Unternehmerin Simone Wittkamp tauchen wir tief in ihre Reise ein. Eine Reise zwischen Schutt, überraschenden Entdeckungen und neuen Visionen für ein ökologisches GartenReich auf einem ehemaligen Fabrikgelände.

Alles begann mit einer einfachen Anfrage: Ich, Sadhana, sollte für Simone einen Garten gestalten. Doch schnell wurde klar, dass dieses Projekt größer war. Aus dem Wunsch nach einem Garten entwickelte sich eine intensive Prozessarbeit für das gesamte Gelände, bei der wir nicht nur die Flächen, sondern auch deren zukünftige Nutzung konzipierten. In diesem Interview sprechen wir über die Anfänge, die emotionalen Hürden und die entscheidenden Momente, die ein solches Projekt prägen.

Simone Wittkamp und die Nouvabrik: Vom Traum zur Realität

Kurzportrait: Simone Wittkamp
Simone Wittkamp ist die Visionärin hinter der Nouvabrik. Mit einem Hintergrund in Betriebswirtschaft und einer Karriere als Consultant verbindet sie strategisches Denken mit einer tiefen Leidenschaft für Design und Raumentwicklung. Ihr Ziel ist es, den Ort mit Geschichte neu zu beleben und für gemeinschaftliche Kreativität zu öffnen.

Die Nouvabrik: Ein Ort im Wandel
Die Nouvabrik ist ein Ort der Transformation. Die ehemalige Möbelfabrik wandelt sich zu einem lebendigen Zentrum für Zusammenarbeit, Handwerk und künstlerische Gestaltung. Der Name verbindet das französische „Nouveau“ (Neu) mit „Nous“ (Wir) und symbolisiert die Kernidee: gemeinschaftlich etwas völlig Neues zu schaffen. Als bodenständiger Ort auf dem Land, der seine Geschichte zeigt, steht die Nouvabrik für Naturnähe, Nachhaltigkeit und die Offenheit für neue Ideen.

Das Gelände wird sukzessive naturnah entwickelt. Die geplante Nutzung umfasst eine Location für Foto, Video und Produktpräsentationen, ein Atelier für Kunst und Ausstellungen, Garten- und Naturräume für Workshops, Coworking-Flächen für individuelle und gemeinsame Entwicklung, Handwerksbereiche für Gestaltung und Weiterbildung sowie eine Bücherwelt für Klein und Groß.

Die Anfänge: Eine glückliche Fügung

Sadhana: Simone, unser erstes Treffen ist schon eine Weile her. Kannst du dich noch erinnern, wie wir uns eigentlich gefunden haben?

Simone: Ja, das weiß ich noch genau. Es lief über eine Empfehlung von Frau Steuber-Fillsack vom Gründerzentrum. Sie hatte mir erzählt, dass sie eine interessante Frau kennengelernt hat, die naturnahe Gartenplanung macht. Ich hatte ihr kurz zuvor von meinem Fabrikkauf erzählt. Als ich deine Website sah, dachte ich sofort: Das passt. Ich glaube, ich habe dich dann einfach direkt angerufen.

Sadhana: Ein Industriegelände ist ja kein gewöhnlicher Auftrag. Was war dein erster Gedanke, als du die Fabrik übernommen hast? Was hat dich inspiriert, daraus etwas Neues zu machen?

Simone: Der Funke entstand in einem kleinen, verstaubten Werkstattraum im alten Backsteingebäude. Ich sah die getünchten Wände und dachte: „Wie schade, dass ich keine Künstlerin bin.“ In diesem Moment war die Idee geboren. Die Alternative wäre der Verkauf gewesen, aber ich spürte, dass dieser Ort eine neue Bestimmung brauchte. Ich habe als Kind schon immer gerne Räume gestaltet, und diese alte Fabrik weckte etwas in mir.

Das historische Backsteingebäude der Nouvabrik bildet den Kern des Areals und strahlt industriellen Charme aus. Bild © Cogneus Design

Die Entmüllung als Beziehungsarbeit: Von Schutt und Regenwürmern

Sadhana: Bevor man an Gestaltung denken konnte, stand eine riesige Aufgabe an: die Entmüllung. Wie hast du diese Phase erlebt?

Simone: Es war ein gewaltiger Prozess. Man muss bereit sein, unheimlich viel Zeit und Geld in Dinge zu investieren, die man am Ende nicht „sieht“. Aber dieses Aufräumen war enorm wichtig, um eine Verbindung zum Ort aufzubauen. Man trägt Schichten ab, um zu sehen, was darunterliegt. Wenn man nur am Entsorgen ist, könnte man sonst irgendwann Angst bekommen und sich fragen: „Was mache ich hier eigentlich?“

Sadhana: Gab es etwas, das dir in dieser harten Zeit Kraft gegeben hat?

Simone: Ja, etwas ganz Lebendiges. Als ich den hinteren Garten entmüllt habe, entdeckte ich die Regenwürmer in der Erde. Sie waren trotz des Mülls immer da. Ich habe dann zu mir gesagt: „Hey, das sind meine Kollegen, meine Mitarbeiter.“ Für sie habe ich den Müll weggeräumt, damit sie ein besseres Leben haben. Das hat mir geholfen, weiterzumachen.

„Die Regenwürmer waren meine ersten Kollegen und Mitarbeiter auf der Fläche. Für sie habe ich den Müll weggeräumt, damit sie ein besseres Leben haben.“

Simone Wittkamp, Nouvabrik

Alleingang und Unterstützung: Die emotionale Reise

Sadhana: Gab es Momente, in denen du gezweifelt hast, ob das Projekt überhaupt gelingen kann?

Simone: Absolut. Man ist bei so einem Vorhaben sehr lange allein. Mein Vater hat mir zwar enorm geholfen – er ist ein sehr pragmatischer Typ, hat Container vollgeräumt und Platten geschleppt. Aber die konzeptionelle Last und die Stille in den leeren Hallen, das musste ich mit mir selbst ausmachen. Betriebswirtschaftlich gab es viele Widersprüche. Man investiert, ohne zu wissen, was daraus wird. Das macht natürlich Sorgen.

Sadhana: Wie hast du diese Einsamkeit in den Fabrikhallen erlebt?

Simone: Ich habe das auch genossen. Diese Ruhe half mir, die Atmosphäre aufzusaugen. Aber man merkt eben auch: Es ist ein Projekt, in dem Einnahmen generiert werden müssen. Es ist kein reiner Privatgarten, der nur schön sein soll. Es muss wirtschaftlich funktionieren.

Team bei der Bodenvorbereitung für den Garten des Ursprungs auf dem Nouvabrik-Gelände in Holzhausen, Ende 2023.
Der Garten des Ursprungs: Ende 2023 begannen die Arbeiten zur Vorbereitung der ersten Gartenfläche auf dem Nouvabrik-Gelände.
Blühender Staudengarten mit Wildblumen, Gräsern und bunten Sitzmöbeln auf dem Nouvabrik-Gelände. Ein Jahr nach der Bepflanzung zeigt sich die ökologische Vielfalt.
Die Verwandlung ist gelungen. Bereits im nächsten Jahr tummeln sich Wildbienen, Schmetterlinge und andere Bestäuber in den vielfältig bepflanzten Beeten.

Die Kraft der Gemeinschaft: Vertrauen als Fundament

Sadhana: Du sprichst oft von Partnern. Wie wichtig ist die Zusammenarbeit für dich?

Simone: Enorm wichtig. Ohne verlässliche Partner, die deine Vision teilen, ist so ein unkonventionelles Projekt nicht machbar. Es geht darum, Menschen zu finden, denen man vertrauen kann.

Sadhana: Du hast mir bei der Gestaltung sehr viel Freiheit gelassen. Das ist sehr wertvoll.

Simone: Ich sehe mich als Teil eines Teams, in dem jeder seine Stärken einbringt. Da habe ich vollstes Vertrauen. Ich muss nicht im Mittelpunkt stehen, sondern schätze die Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Eine grüne Überraschung: Der pflegeleichte Garten

Sadhana: Was hat dich in den letzten beiden Jahren am meisten überrascht?

Simone: Eine der größten Überraschungen ist, wie unglaublich pflegeleicht die Beete geworden sind. Dank deiner durchdachten Planung, der richtigen Bodenvorbereitung und der Auswahl passender Pflanzen benötigen die Gärten erstaunlich wenig Arbeit und kaum zusätzliche Bewässerung, obwohl sie in voller Südlage stehen. Das hat mir gezeigt, wie wichtig eine gute Planung ist, um auch große Flächen nachhaltig und stressfrei gestalten zu können.

Ausblick: Wo Kunst auf Natur trifft

Sadhana: Was sind die nächsten Schritte für die Nouvabrik, insbesondere für den „Garten der Begegnung“?

Simone: Der vordere Garten wird einen etwas raueren Charakter haben, passend zur Fabrikfassade. Die Vision ist, eine starke Verbindung zwischen Natur und Kunst zu schaffen. Wir planen partizipative Projekte mit Schulen und der Künstlerin Gina Bolle. Ich stelle mir filigrane, große Metallskulpturen vor, die im Dialog mit den Pflanzen und dem Gebäude stehen. Dieser Ort soll Menschen zusammenbringen und inspirieren.

Erlebe die Nouvabrik live: Termine 2026

Die Vision der Nouvabrik wird greifbar! Es gibt gleich mehrere Gelegenheiten, das Gelände selbst zu erleben und die Verbindung von Natur, Kunst und Industriekultur zu spüren:

• Offene Gartenpforte Hessen: Am 30. und 31. Mai 2026 öffnet die Nouvabrik ihre Tore für alle Garten- und Architekturbegeisterten.

• Große Eröffnung & Kunst-Event: Am 20. Juni 2026 von 11 bis 18 Uhr findet die offizielle Eröffnung statt. Gemeinsam mit der Künstlerin Gina Bolle wird die erste Kunstinstallation enthüllt. Dieses Event ist Teil der 750-Jahr-Feier von Holzhausen. Sei dabei und entdecke einen Ort im Wandel!

Vom Machen und Wachsenlassen

Das Gespräch mit Simone Wittkamp verdeutlicht, dass die Transformation einer Industriebrache weit über Ästhetik hinausgeht. Es erfordert Respekt vor dem Bestand, harte Arbeit in der Vorbereitung und eine tiefe emotionale Bindung zum Boden. Erst durch die Kombination aus realistischer Struktur, präziser Planung und ökologischer Intuition entsteht ein GartenReich, das sowohl biologisch als auch wirtschaftlich wertvoll ist.

Möchtest du mehr über die Nouvabrik erfahren oder das Projekt unterstützen? Die außergewöhnliche Location kann für Veranstaltungen gebucht werden. Besuche die offizielle Webseite Nouvabrik – Raum für Kreativität oder folge Simone auf Instagram: die Nouvabrik auf Instagram.

Von der Vision zur Umsetzung: Am Anfang des Schöpfungsprozesses stand ein gemeinsames Brainstorming, bei dem Ideen gesammelt und zu Themenfeldern geclustert wurden. Aus diesem kreativen Prozess entstand ein Buch, das allen Beteiligten als Kompass dient und die Vision für die Reise der Nouvabrik festhält.

Dein Grundstück hat ebenfalls Potenzial? Lass uns darüber sprechen.

Die Geschichte der Nouvabrik ist ein inspirierendes Beispiel dafür, wie aus einem ungenutzten Areal ein identitätsstarker und lebendiger Ort werden kann. Stehst du vor einer ähnlichen Herausforderung? Hast du ein Firmengelände, ein Gemeinschaftsgrundstück oder ein privates Areal, dessen Potenzial noch nicht ausgeschöpft ist?

Ich begleite Unternehmen, Institutionen und Gemeinschaften dabei, ihr Grundstück strukturiert zu entwickeln und in einen klimaresilienten Außenraum mit Charakter zu verwandeln. Mein Ansatz verbindet ökologische Weitsicht mit pragmatischer Planung, um Orte zu schaffen, die deine Haltung widerspiegeln und einen echten Mehrwert bieten.

Mein Angebot richtet sich an:

• Unternehmen & Familienunternehmen mit eigenem Gelände

• Seminarhäuser

• Wohn-, Projektgemeinschaften und Stiftungen

Wenn du bereit bist, dein Gelände bewusst zu entwickeln und größer zu denken, dann lass uns gemeinsam die Möglichkeiten entdecken.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Susanne

    Liebe Sadhana, war für ein schönes und erfrischendes Interview. Und Hut ab vor diesem großen Projekt und wie wunderschön dieses Stückchen Erde nun geworden ist. Ich habe mich sehr gerne in deinem Newsletter eingetragen, da ich selbst einen sehr großen Garten habe, den wir vor 5 Jahren sehr verwildert übernommen haben. Wir haben schon viel geschafft, aber das Ding mit dem Garten ist ja, dass er im Sommer ständig weiterwächst und man das Gefühl hat, man fängt immer wieder von vorn an. Da wäre es schon sehr gut, wenn wir da mal einen Profi draufschauen lassen würden. Vielleicht bis bald und jetzt erst mal eine wunderbare Gartensaison 2026! Alles Liebe, Susanne

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